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Naar aanleiding van...
Ein Dichterporträt ans Licht gebracht
Elisabeth De Bruijn
Mit Bezug auf: Jozef D. Janssens, In de schaduw van de keizer. Hendrik van Veldeke en zijn tijd (1130-1230). Zutphen: Walburg Pers. 2007. 207 S. ISBN 90-5730-528-3. Preis: € 29, 95.
In der Einleitung von In de schaduw van de keizer hebt Jozef Janssens nachdrücklich hervor, dass die niederländische Veldeke-Forschung aufholen muss, um dem Forschungsstand der deutschen Germanistik gleichzukommen. Seine Monographie über Veldeke ist ein schöner Versuch, diesen Rückstand aufzuarbeiten. Janssens hat richtig gesehen, dass man hierfür zunächst ein erneutes Interesse an dem mittelalterlichen Autor braucht. Dieses Ziel versucht er zu erreichen, indem er nicht nur Fachleute, sondern auch ein breites Publikum anspricht. Demzufolge kann der Leser sich an einer prachtvollen, ausführlich illustrierten Publikation erfreuen, in der weder Kosten noch Mühen gespart wurden, um ‘Veldekes Umwelt’ auch bildlich an das Publikum heranzubringen.
Im Hinblick auf seine Leser entscheidet Janssens sich im Großen und Ganzen dafür, keine Fachdiskussionen zu führen, sondern eine Geschichte zu erzählen, mit ausführlicher Berücksichtigung des Inhalts von Veldekes Oeuvre. In den ersten beiden Kapiteln werden die Forschungsgeschichte und der kulturelle Kontext aufgerollt. Das dritte Kapitel bildet mit historischen Informationen den Übergang zu Veldekes werken. In den folgenden Kapiteln wird jeweils eine der drei Gattungen besprochen, auf die der mittelalterliche Autor sich konzentriert hat: ein Heiligenleben, ein höfischer Roman und Minnelieder. Die letzten zwei Kapitel stellen die zeitgenössische und die gegenwärtige Rezeptionsgeschichte in den Mittelpunkt.
Konsequenz einer popularisierenden Betrachtungsweise ist, dass Janssens durch das ganze Buch hindurch lavieren muss zwischen Simplifikation und wissenschaftlicher Untermauerung. Im Allgemeinen gelingt ihm das gut. In der Einleitung skizziert der Autor zum Beispiel den jüngsten Stand der Veldeke-Forschung auf eine für das Publikum verständliche Weise. Allerdings hat gerade an dieser Stelle die fachliche Zuverlässigkeit ein wenig eingebüßt: Die Anmerkungen der Einleitung fehlen hinten im Anhang, wodurch die Angaben der aktuellsten Veldeke-Publikationen nicht zu überprüfen sind.
Literaturwissenschaftlichen Kontroversen geht der Autor so weit wie möglich aus dem Weg. Fachdiskussionen werden teilweise in den Fußnoten behandelt. Stattdessen hat er beispielsweise am Ende des ersten Kapitels, ‘Rivaliserende beelden’, eine nützliche Tabelle aufgenommen, in der man einen Überblick über die wichtigsten Daten der Forschungsgeschichte findet.
Ein Problem, mit dem ein Autor einer solchen Monographie unmittelbar konfrontiert wird, ist die Frage, welche Hintergrundkenntnisse für ein gutes Verständnis über den mittelalterlichen Dichter und seine Werke vorausgesetzt werden können. Das zweite Kapitel, ‘In een land zonder grenzen’, widmet Janssens deshalb den Informationen, die er für das Verständnis der übrigen Kapitel für notwendig hält. In groben Zügen stellt er die zeitliche und örtliche Vorgeschichte Veldekes dar. So lässt er in einigen Paragraphen die damalige mittelalterliche Geographie, die Rolle Karls des Großen, die Renaissance des 12. Jahrhunderts, die frühe Schriftlichkeit und die Politik Friedrich Barbarossas Revue passieren.
Auch sprachlich schließt sich Janssens an den Zeitgeist seines Publikums an: So bezeichnet er die Reformpolitik Karls des Großen als ‘brain drain’ (S. 39), nennt er Landgraf Hermann von Thüringen
| | | | einen ‘Realpolitiker’ (S. 123) und erklärt er die karolingische Minuskel anhand der Buchstaben seines Computers (S. 39). An bestimmten Stellen geht er vielleicht von zu viel Vorwissen aus. So hätte er Begriffe wie ‘zakformaat’ und ‘quarto-formaat’ (S. 117) erläutern können und er hätte beim Terminus ‘Wartburgkrieg’ (S. 125) explizit erklären können, dass es sich nicht um einen tatsächlichen Krieg handelt.
Wie der Titel des dritten Kapitels, ‘Weinig zekerheden, veel vermoedens’, bereits ankündigt, basieren die Erkenntnisse zur Person Veldekes auf einer Reihe von Spekulationen. Dennoch gelingt es Janssens, ein einprägsames Autorbild von Veldeke zu skizzieren. In flüssigem Stil präsentiert er die wichtigsten Ergebnisse eines komplizierten Quellenstudiums. Eingeleitet durch eine Anekdote über den dramatischen Hoftag in Erfurt, wird eins der berühmtesten Themen aus der niederländisch-deutschen Literaturgeschichte angesprochen, nämlich der Diebstahl des unfertigen Eneasromans. In einem einzigen Paragraphen fasst Janssens die Forschungsdiskussion bezüglich des Diebstahls zusammen und führt die Hauptverdächtigen ein. Obwohl die Vorstellung eines tatsächlichen Diebstahls der communis opinio entspricht, vernachlässigt Janssens allerdings, vollständigkeitshalber die Möglichkeit zu erwähnen, dass es vielleicht nur um ein literarisches Spiel ging. Im Hinblick auf Veldekes Bildung ist es nicht ganz auszuschließen, dass er das Diebstahl-Motiv klassischen Werken entnommen hat. Außerdem ist ein fingierter Bücherdiebstahl ein geläufiges Motiv in mittelalterlicher Literatur und es lässt sich bei Veldeke eine große Tendenz zur Fiktionalität erkennen.
In Janssens Besprechung von Sekundärzeugen gehört selbstverständlich auch die Manessische Handschrift, in der in hierarchischer Gliederung lyrische Werke von 140 Dichtern präsentiert werden. Dass Veldeke kurz nach Kaiser und Grafen, und noch vór dem prominenten Herzog Jan I. von Brabant an sechzehnter Stelle erscheint, erklärt Janssens auf suggestive Weise mit seinem vornehmen Stand (S. 70). Dabei erwähnt er allerdings nicht, dass die Forschung diese Einordnung mit Fragezeichen versehen hat, weil sie nicht zu sichern ist.1 Dass Heinrich von Veldeke zwischen Grafen und Freiherren eingeteilt ist, erklärt sich vielleicht aus dem Züricher Entstehungsort der Liederhandschrift. Im Süden des Deutschen Reiches war Veldeke vermutlich nicht so bekannt wie in Limburgischen Kreisen. Es ist daher möglich, dass der Redaktor der Manessischen Handschrift nicht wusste, welche Position er Veldeke zuteilen musste.
Im Hinblick auf das Publikum leitet Janssens einige Kapitel mit einer ansprechenden Anekdote ein. Eine Klimax lässt sich zweifellos in Bezug auf die Überlieferungsgeschichte der Servatius-Handschrift finden, der das vierte Kapitel, ‘De heilige en de keizer’, gewidmet ist. Während der Leser en passant vertraut gemacht wird mit den geläufigen und weniger geläufigen Arten von Buchverstümmelung (Aufbewahrung in nassen Räumen, Leimkocherei und dem Zerschneiden für Wiederverwendung), beschließt Janssens seine Aufzählung mit einer Stadtsage: Im 19. Jahrhundert, als Toilettenpapier noch nicht so gängig war, hätte der Lehrer Antoine Gillet eine Papierhandschrift der Servatius-Legende in der Toilette eines kulturbanausischen Notars gefunden. In Wirklichkeit wusste der Notar die Handschrift, die eine wichtige Rolle in der Servatius-Forschung spielen sollte, sehr wohl nach ihrem Wert zu beurteilen. Die spektakuläre, erfundene Geschichte steht im schroffen Gegensatz zu dem religiösen Inhalt des Leven van Sint-Servaas, den Janssens im nächsten Paragraphen ebenso anschaulich zusammenfasst.
Die Besprechung der legendarischen Heiligenverehrung des hl. Servatius verknüpft Janssens mit den damaligen politischen Ambitionen, wobei die ökonomischen Motive des Servatiuskapitels in Maastricht eine große Rolle spielten. Janssens beschreibt, dass Veldeke im Machtkampf zwischen Papst und Kaiser die Seite des Kaisers gewählt hat, was nicht nur im Titel des Kapitels, sondern auch im gut gewählten Titel des Buches widerklingt. Übrigens lässt Janssens die inhaltliche Seite der Legendenbildung auch zur Geltung kommen. Diese wurde, wie die erwähnte Stadtsage beweist, noch lange fortgeführt.
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Beim fünften Kapitel, ‘De keizer en het roemrijke Troje’, springen die wunderschönen Farbbilder der Handschriten, die Beispiele für die ausführlich illustrierte Überheferungstradition des Eneasromans darstellen, direkt ins Auge. Anhand des gut geeigneten Beispiels der Liebesszene zwischen Eneas und Dido zeigt Janssens, dass die Illuminatoren der Handschriften beim Abbilden einer solchen unkeuschen Szene Schwierigkeiten gehabt haben. Hierdurch bekommt der Leser einen Eindruck von der damaligen Rezeption des Werkes.
Mit Blick auf den Eneasroman hebt Janssens ausnahmsweise eine Fachdiskussion aus den Fußnoten heraus. Am Ende des zweiten Kapitels behauptet er, dass 1184 das einzige sichere Datum von Veldekes Biographie sei, da er leibhaftig beim Hoftag des Kaisers Barbarossa anwesend gewesen wäre (S. 58). Dieses Thema wird im funften Kapitel ausgearbeitet. Über diese Annahme, die auf einer Selbstaussage Veldekes beruht, scheint eine internationale Diskrepanz zu bestehen, wie Janssens selbst schon andeutet (S. 202, Anmerkung 36). Frits van Oostrom behauptet in seiner neu erschienenen Literaturgeschichte mit der gleichen Bestimmtheit auch, Veldeke sei dabei gewesen.2Diese Stellungnahme wird kommentiert von Bernd Bastert. Anhand von deutscher Forschungsliteratur argumentiert er, dass Veldekes Anwesenheit beim Hoffest in der Germanistik mit größerer Vorsichtigkeit betrachtet wird.3Janssens hat natürlich Recht, wenn er dafür plädiert, Selbstaussagen mittelalterlicher Dichter nicht gleich zu verwerfen, zumal die Literaturgeschichtsschreibung auf solchen Aussagen gründet (S. 144). Allerdings sollte man versuchen, die schriftlichen Äußerungen des Dichters so korrekt wie möglich zu interpretieren. Bastert zeigt, dass man aus den Wörtern die wir selbe sâgen nicht automatisch schließen kann, dass Veldeke hier über sich selbst redet.4 Janssens glaubt allerdings, dass mit dem Wort wir doch auf den Dichter oder seinen engeren Kreis hingewiesen werde (S. 145). Wenn nicht in der Forschung noch neue Beweise für die Anwesenheit Veldekes auftauchen, ist die deutsche Skepsis genau so güitig wie das Argument Janssens. Die entschiedene Behauptung, dass Veldeke beim Hoffest war, hätte der Autor deshalb etwas abschwächen können.
Obwohl es eine internationale Auseinandersetzung über Veldekes Nationalität, wie Janssens sie für die früheste Veldeke-Forschung beschrieben hat, schon längst nicht mehr gibt, ist der Dialog zwischen beiden Ländern in bestimmten Punkten offensichdich noch nicht ganz beendet. Vielleicht kann sich so aus den patriotischen Fehden, kennzeichnend für das frühe 20. Jahrhundert, heutzutage eine fruchtbare, internationale Veldeke-Diskussion entwickeln.
Es überrascht nicht, dass Janssens im sechsten Kapitel, ‘De zanger en de keizer’, dem Dichterporträt Veldekes viel Beachtung geschenkt hat. Der Meisterdichter taucht in zwei berühmten deutschen Liedersammlungen auf, beide Male versehen mit einer Miniatur. Am berühmtesten ist die Miniatur aus der Manessischen Handschrift. Es ist erfreulich, dass Janssens sich, wie für die Überlieferung des Eneasromans, auch hier mit den außerliterarischen Denkmälern befasst. Eine literaturwissenschaftliche Monographie, wie er sie vorlegt, kann der Interdisziplinarität nicht entbehren. Es ist jedoch verständlich für eine solche Einmannarbeit, dass Janssens mit bestimmten ikonographischen Problemen nicht gut zurechtkommt. In Bezug auf das Eichhörnchen, das auf den Schultern des Dichters sitzt, gibt er zum Beispiel eine Fachdiskussion wieder, die durch Fragezeichen geprägt ist. Janssens' Vorgänger haben versucht, in der Darstellung des Tieres einen weit tragenden tieferen Sinn zu entdecken: Das Tier sei teuflisch oder es versuche, eine musikalische oder dichterische Nuss zu knacken (S. 151 und 154). Janssens' eigene Ansicht, das Eichhörnchen sei Teil einer dynamischen Spielfreude (S. 154), scheint mir hingegen etwas zu einfach. Vielleicht kann die kunstgeschichtliche Forschung hier neue Ansätze aufzeigen. In der ikonographischen Studie der Manessischen Handschrift von Ingo Walther wird erwähnt, dass Eichhörnchen in jener Zeit gezähmt wurden und in der Hofgesellschaft beliebte Spieltiere höfischer Damen waren.5
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Janssens beschließt seine Monographie mit einem Appell, Veldeke wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Um dieses Ziel zu erreichen, soll man unter anderem schon in der Schule mit dem Dichter bekannt werden. Janssens hat Recht mit seiner Feststellung, dass die Veldeke-Forschung vor allem eine ‘deutsche Angelegenheit’ (S. 180) ist. Dieses hat, meiner Ansicht nach, übrigens nichts mit der Unterrichtssituation zu tun: In deutschen Schulen wird kaum mittelalterliche Literatur gelesen, und das Werk Veldekes nimmt an den Universitäten keine zentrale Position ein. Viel mehr hängt die Unterbelichtung Veldekes mit sprachlichen Problemen zusammen: Wegen der dialektalen Ausnahmestellung des Rhein-Maasländischen Dichters kommt dem Werk Veldekes im deutschen, belgischen und niederländischen (universitären) Unterricht keine Priorität zu. Wünschenswert ist eine Situation, in der man sich international berufen fühlt, die überlieferten Texte dieses mittelalterlichen Autors zu untersuchen. Das kann auf verschiedene Weise geschehen: durch eine Neubewertung des Stoffes an den Universitäten, durch eine literaturwissenschaftliche Reform, in der regionale Fragestellungen im Mittelpunkt stehen,6 oder auch dadurch, öffentliches Interesse im breitesten Sinne zu wecken. Janssens hat sich speziell auf die letzte Möglichkeit konzentriert, und damit seinen Platz in seiner Tabelle mit den wichtigsten Daten der Veldeke-Forschung erobert (S. 32-33). Sein Buch ist sowohl inhaltlich als auch äußerlich eine eindrucksvolle Leistung.
Anschrift der Verfasserin: Krammer 14, nl - 2641 tz Pijnacker; E.S.deBruijn@students.uu.nl
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1Ingo F. Walther (Hg.), Codex Manesse, Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Frankfurt am Main 1989, 32-33.
2Frits van Oostrom, Stemmen op schrift. Geschiedenis van de Nederlandse literatuur vanaf het begin tot 1300. Amsterdam 2006, 147.
3Bernd Bastert, ‘Deutsch-niederländische Anregungen. Ein Plädoyer für eine simultane Berücksichtigung der mittelalterlichen deutschen und niederländischen Literaturtraditionen’, in: Queeste 13 (2006), 27.
4Ibid.
Zitiert ist nach Vers 13227 in der Edition von Dieter Kartschoke, Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Stuttgart 1986.
6Diese Entwicklung lässt sich, Paul Wackers zufolge, zum Beispiel erkennen in dem neuen Buch von Helmut Tervooren (unter Mitarbeit von Carola Kirschner und Johannes Spieker), Van der Masen tot op den Rijn. Ein Handbuch zur Geschichte der mittelalterlichen volkssprachlichen Literatur im Raum von Rhein und Maas. Berlin 2006. Siehe auch die Rezension: Paul Wackers, ‘Een periferie in het centrum: vernieuwende literatuurgeschiedschrijving’, in: Queeste 13 (2006), 61-66. Siehe auch die Antrittsrede von Johan Oosterman: In daz Niderlant gezoget. De periferie in het centrum: het Maas-Rijngebied als speelveld
voor filologen. Nijmegen 2007.
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