|
|
|
| |
| | | |
Schriften zur limburgischen Sprache und Litteratur.
(Vervolg van blz. 138).
Dann noch eine einzelheit. § 15 f. wird die erscheinung besprochen, dass in wörtern wie daeck, ghemaeck, hoeff, loeff, weech auch in der stets einsilbigen form des nom. und acc. verlängerter vocal neben dem kurzen erscheint, im gegensatz zum Ndl. (dak, gemak, hof, lof, weg) und in grösserer übereinstimmung mit dem Hd. Es erhebt sich dabei die frage, ob diese dehnung nur nach analogie eingetreten sei auf grund der mehrsilbigen formen, wo die dehnung - in offener silbe - gesetzmässig ist, wie im Ndl., ob also daek nur nach dāke, loef nur nach lōves gebildet sei, oder ob darin eine spontane lautliche entwickelung stecke. L. entscheidet sich für das letztere, und zwar trotzdem er ausdrücklich annimmt, dass die in praetrita wie at, gaf, nam gleichfalls eintretende dehnung, wie die völlige übereinstimmung des vocals in sg. und pl. beweise, aus einer wechselwirkung zwischen plur. und sing. zu erklären sei. Der grund, warum er für die substantive die frage nach der anderen richtung entscheidet ist der, dass heute im Limb. ein sg. wie weeg mit anderem vocal lautet als der plural weeg. Aber ich vermute sicher richtig, dass dieser heutige unterschied in der qualität resp. quantität des vocals mit dem sehr merkwürdigen accentunterschied zusammenhängt, der zwischen sg. und pl. besteht. Die besonderheit des pluralaccents ist durch die apocope, weeg aus wēge, verursacht; der verlust der silbe hat in der accentuation einen reflex, oder man kann auch sagen
einen ersatz gefunden. Da also der unterschied im vocal nachträglich entstanden sein kann, so wird es richtig bleiben, einen sg. wie wēg auf den pl. wēge zurück zu führen. Überhaupt muss man mit der annahme einer spontanen dehnung in geschlossenen silben wie dak, die man heute vielfach versucht, recht vorsichtig sein. Die entwickelung ist also meines erachtens im Limb. dieselbe gewesen, wie im Deutschen. Sie setzt voraus dass eine zeitlang schwanken zwischen den organischen formen wie dag (gen. dāges) und den ausgleichsformen dāg (gen. dāges) bestanden habe, ein zustand der in der hs. des Servatius vielleicht grade vorliegt. Im Limb. wie im Deutschen haben dann mit der zeit die ausgleichsformen die organischen ganz verdrängt (bis auf isolierte reste, wie nhd. weg als adv.). Man kann sich aber auch vorstellen, dass in einem solchen kampf die neue form einmal nicht durchdringe und dann also wieder
| | | | verschwinden müsse. Das ist in der that auch vorgekommen. Das Neuwestfälische steht auf dem standpunct des Ndl., aber im älteren Westfäl. sind gleichfalls solche langvocaligen formen in der declin., wie in der conjug, versucht worden. Das ist eine gute probe auf die richtigkeit unseres exempels.
Herr L. hat die rücksicht auf die benutzer seines buches genommen, eine inhaltsübersicht und ein sehr ausführliches register hinzuzufügen. Nur selten hat er sich durch die schwierigkeit eine rationellen einteilung durchzuführen zu einem notbehelf verleiten lassen, wie der unterbringung des aus kurzem e entstandenen ei in seynden ‘senden’ unter germ. ai.
Einen eigenartigen limb. text hat uns, auch bereits im jahre 1889, Dr. Buitenrust Hettema zugänglich gemacht, ein altes Glossar,1) das in einer zu Bern befindlichen Hs. angeblich vom ende des 13. oder dem anfang des 14. jahrhunderts erhalten ist. Das werk, von dem bis dahin nur einzelheiten publiciert waren, liegt nun in seiner gesamtheit sorgsam gedruckt vor. Ursprünglich ist es ein alphabetisches lat.-deutsches glossar, für unseren gebrauch hat es der herausgeber nach den nl. worten alphabetisch geordnet und verwante glossare, besonders den noch ungedruckten lat.-deutschen teil von Gerhard van der Schuerens Glossar zur erklärung herangezogen. Bei der umordnung hat Dr. B.H. auch fälle, wie alsne ‘absinthium’ und alsne ‘sudes,’ oder roke ‘odor’ und roke ‘rupes’ in einen artikel gefasst, die doch wohl besser getrennt geblieben wären. Freilich liess sich das bei lat. homonymen, wie ‘jus sop vel recht’ nicht machen, hier kommen aber doch wenigstens die beiden nl. wörter alphabetisch zu ihrem recht. Leider hat der herausgeber die absicht, eingehender über die sprache des denkmals zu handeln, aus zweckmässigkeitsgründen aufgegeben. Es wird nur kurz festgestellt, dass sie zum limb. gebiet gehört. Für die benutzung wäre aber eine feststellung wenigstens der wichtigsten ortographischen eigentümlichkeiten, sehr wesentlich gewesen, um die wir nun auch gekommen sind.2) Auch aus einzelnen anmerkungen beim text, wie bei euen node, sweppe geht hervor, dass der herausgeber ursprünglich geplante untersuchungen abgebrochen hat. Es ist manchmal recht empfindlich, seine hilfe entbehren zu müssen, und oft wäre es auch willkommen gewesen, bloss zu wissen, wie weit er eine glosse verstanden hat.
Dass auch ein glossar und zwar ein verhältnismässig umfangreiches, aus früher zeit ein wichtiges denkmal ist, braucht lesern, die sich einmal mit sprachgeschichtlichen fragen abgegeben haben, nicht gesagt zu werden. Aber der
| | | | auf den zusammenhang und das wesen der dinge gerichtete blick des herausgebers weiss einem solchem denkmal auch noch andere, als sprachwissenschaftliche interessen abzugewinnen.
Auch diese glossare haben ihre geschichte. Dr. B.H. weist nach, wie sie allmählich aus interlinearglossen auf dem wege über nach kategorieen oder alphabetisch geordnete kürzere glossare entstehen, wie sie dabei ihren ursprung aus verschiedenen quellen oder aus glossen, die in form oder bedeutung den ursprünglichen textzusammenhang noch ankündigen, noch lange verraten. Auch für unser glossar wird eine entstehung auf ähnlichen wegen vorausgesetzt, bis zu einem gewissen grade auch erwiesen. Welche lat. texte etwa zu grunde liegen hat der herausgeber nicht aufgespürt. So viel darf man wohl annehmen dass werke kirchlichen charakters dabei waren, während die zahlreichen tiernamen auf ein sachglossar weisen. Eine glosse wie infans: nit sprekende vel kint weist allerdings wohl gar nicht auf einen text, sondern ist rein grammatischen charakters.1) Als erwiesen darf man den behaupteten zusammenhang mit einem bisher nur zum kleinen teil gedruckten Harlemmer und einem Trierer Glossar ansehen.2) Hingegen lässt sich die vermutung eines zusammenhangs mit bestimmten limb. texten, besonders mit den Sermoenen nicht aufrecht erhalten, zumal nachdem inzwischen dargethan ist dass die Sermoenen aus einer deutschen predigtsammlung übersetzt sind. Jedesfalls aber ist das denkmal ein nicht zu unterschätzender beweis für gelehrte und litterarische thätigkeit im limburger lande - weither wird das material wohl schwerlich geholt sein - und zwar vielleicht auch ein
beweis für die ältere zeit, insofern das glossar auch wesentlich ältere elemente zu enthalten scheint. Es ist freilich schwer aus einzelnen wörtern dafür schlagende beweise in die hand zu bekommen. Beachtenswert ist ja die glosse crusul ‘crusibolum.’ Ist das wort in der sprache des verfassers überhaupt gebräuchlich gewesen, so muss es auf tonloses -el ausgegangen sein. Nun ist in der that eine form crusul, angeblich sogar crûsûl, aus ganz alten glossen bei Graff IV 616 bezeugt. Beruht das zusammentreffen der form nicht auf zufall, d.h. ist crusul hier nicht einfach ein schreibfehler für crusel, so müsste man annehmen, dass der verfasser gelegentlich auch ganz ungebräuchliche wörter aus seinen quellen aufgenommen habe. Im allgemeinen macht aber sein werk einen ganz anderen eindruck. Man könnte in diesem sinne auch wohl auf die orthographie uo verweisen, die das glossar in besuoken, besuokinge, muoden, undersuoken aufweist (vgl. auch uugen, gewugheit) die aber in diesen gegenden schon lange nicht mehr gebräuchlich war. Auch hier ist jedoch immerhin nicht zu vergessen, dass diese ortographie nur der differenzierung dient, über die wir jetzt zu sprechen haben.
| | | |
B.H. belegt eine orthographische eigentümlichkeit des glossars mit einer reihe von beispielen. Wenn verschiedene lat. wörter, oder gruppen von solchen, mit demselben wort übersetzt werden, so erscheinen an den verschiedenen alphabetischen stellen des glossars verschiedene schreibungen, z.b. bei congredi, congressus aneverden, aneverdenisse, bei invadere, invasio ane uerden, ane uerdinge, oder bei clementer sachtelek, bei mansuefacere und placare saegten, bei lenire sachten, bei suavis sagte, bei mitigare seegten. Es erscheinen also nicht nur orthographische varianten, sondern auch andere kleine sprachliche unterschiede; so auch die endungen -heit und -heide, syncope und erhaltung des vocals u.a., wie man aus den beispielen sehn mag. Es sind unterschiede, die zum teil in der sprache desselben individuums bestehn können, zum teil aber auch die berücksichtung fremder sprachformen voraussetzen. Diese eigentümlichkeit ist aber vollständig system in dem werke. Ich gebe zu den vom herausgeber beigebrachten beispielen noch eine anzahl weiterer, ohne die sache im geringsten zu erschöpfen. So stehn mit verschiedenen übersetzungen afdon, afdun; afsniden, afsnjden; ander werue, anderwerf, anderwarf; angestlec, angstelec; anxt, angest; argren, ergren; armude, armode; baltheid, baltheide; besuken, besuoken; dandere, dander; deilen, deelen, dejlen; dengen, dingen; dicht, dijcht; dier, dir;
diere, dire; doen, don, dun; donker, dunkel; dorper, dorpre; driuen, drijven; druven, drouen; dore, dur; lof, loef; nadre, nader; negener wijs, negere wijs; nith, nijth; raden, raeden; radere, redere; regt, recht, reicht; reinen, rejnen; rigtre, richtre; riujre, rjujre; rouwe, rowe; roem, ruem; rugge, rucge; ru, ruu; samenen, samnen; scade, schade; schoren, schoeren, schueren; sculdech, sculdig; siede, side; slaep, slap; starkeleke, starcleke; steen, stein; teende, tende; twiuel, twjuel, tvjuel; undaet, vndaet, undat, vndat; untsecgen, entseggen; vasten, vastene; vechten, uegten, veghten; velken, velleken; uerhogen, uerhochgen; vroet, vruet; wagescale, wagschale; weder, wider; wreet, wret.
Es kan keinem zweifel unterliegen, dass dies system vom verfasser unseres glossars selbst herrührt. Dass wir es mit einem bewussten system zu thun haben, kann man auch daraus abnehmen, dass sich an alphabetisch erster stelle, oder bei der normalen lat. übersetzung die normale schreibweise findet.1) Mit vorsicht kann man das system denn auch wohl dazu benutzen, die gangbaren sprachformen des verfassers, seine eigtl. orthograpie und auf grund dessen seine heimat zu ermitteln. Er hat also, wenn er an verschiedenen alphabetischen stellen dieselbe übersetzung anwenden musste, die form variiert; in der regel so dass, wenn das wort beispielsweise achtmal vorkam und zwei formen zu gebote standen, in den drei bis vier ersten fällen die erste, später die andere form gewählt wurde. Man wird nicht erwarten, dies system mit voller folgerichtigkeit durchgeführt zu finden; aber verkennen lässt es sich nicht, und ebensowenig lässt sich daran denken, dass diese systematisch
| | | | geregelte variation bloss durch die benutzung verschiedener quellen mit verschiedenen sprachformen und verschiedener orthographie zufällig in das werk hinein gekommen sein könnte. Es ist interessant genug zu beobachten, mit welchem grad von überlegtheit der verfassser die sache angelegt hat. Das mittel welches er wählte ist nur die ausbildung einer auch sonst bei mittelalterlichen menschen zu beobachtenden vorliebe für die variation in geringfügigen dingen. Man wollte dadurch offenbar geistreich und gelehrt erscheinen. Unser verfasser vermeinte vielleicht auch der eigenen sprache damit den anschein eines grösseren reichtums zu geben. Er vergass dabei dass sein Latein nur ein grosser sammelteich für die sprache und litteratur vieler jahrhunderte war.
(Fortsetzung folgt).
J. Franck. |
1)Het Nederduitsch Glossarium van Bern bewerkt door Dr. F. Buitenrust Hettema. Groningen bij Wolters 1889. 43. aflevering der Bibl. van Mnl. Letterk. XXXIV en 98 ss. - 1.90 fl.
2)Die schreibung a findet sich in genamelec, geslachte,
hartoe, alter, radere, raetsele, saechte, wagen ‘trutinare.’ Das sind alles wörter in denen der glossator neben a auch e kennt, oder doch gekannt haben kann. Heisst die schreibung nun, man kann radere und redere lesen? Als einzelheit, die zu kennen hier und da nicht unwichtig ist, merke ich noch die unterdrückung von w an in behouen, bescoure, bespuen, ghetrue, pauelun, spouen, ungetrueheit, truenisse.
1)[Dit acht ik hoogst onzeker. 't Kan een interlineaire of ook kantglosse geweest zijn bij de bijbeltekst, waar over ‘infans’ gesproken werd; al is 't dan een etymologiese glosse; 't hoorde toch tot een ‘text’. - B.H.]
2)Dazu kommt jetzt noch ein verschollenes glossar, von dem A. Beets eine spur gefunden hat; s. Tijdschrift 13, 77 ff.
1)[Ik twijfel echter zeer sterk hieraan. 't Stuk is namelik alfabeties naar 't Latijn, maar lang niet konsekwent, en hoogstens tot de 3 e letter, (een a-b-c-glossaar). - B.H.]
|
|