terug  begin  verder
[p. 11]

1. Kapitel
Die Vermittlung

A. Die Niederlande als Ziel der ‘peregrinatio academica’.

Die geringe Beachtung der literarischen Fragestellung ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Gesamtthema der deutschen Beziehungen zu Holland bisher wenig in den Blickpunkt der Forschung getreten ist und dass ‘die Geschichte der deutsch-niederländischen Kulturbeziehungen ... noch zu schreiben’ bleibt.1 Eine solche Darstellung müsste an erster Stelle die Entwicklung der niederländischen Universitäten berücksichtigen, wobei der Leidener Hochschule ein besonderer Platz einzuräumen wäre. Nur ein Jahr nach dem Ende der spanischen Belagerung wurde am 8. Februar 1575 die ‘Academia Lugduno Batavae’ ins Leben gerufen. Der Plan ihrer Gründung beruht auf einem patriotischen Interesse. Wie aus einem Brief von Prinz Willem van Oranien an die Staten hervorgeht, sollte sie vor allem dazu dienen, die neuerlangte Freiheit zu erhalten und die Jugend nicht nur in der rechten Gotteserkenntnis, sondern auch in ‘allerley goede eerlycke ende vrye kunsten ende wetenschappen dienende tot die wettelicke regeringe der landen’ zu erziehen.2 Konnte der Lehrbetrieb anfänglich nur in kleinem Rahmen durchgeführt werden, so bildete die Berufung von Justus Lipsius eine entscheidende Wegmarke in der Geschichte der Universität. Nicht nur weil damit der Grund gelegt wurde für die humanistisch-philologischen Studien, sondern auch weil sich unter seinem Rektorat (1579/80) in den Akten des Senats und der Curatoren eine rege Tätigkeit auf die Erweiterung der Universität hin feststellen lässt.3 Von nun an erkennt man in ihrer Geschichte einen stetigen Aufstieg. Die Zahl der Immatrikulationen betrug in den ersten Jahren 100 im Durchschnitt, um bald auf das Vier- und Fünffache zu steigen.

Das schnelle Wachstum und die über ganz Europa reichende Bedeutung der Leidener Universität wird nur auf dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entfaltung und kulturellen Blüte der jungen Republik der Vereinigten Niederlande verständlich. Der selbstbewusste Stolz darüber lässt sich an manchem Zeugnis der zeitgenössischen Literatur ablesen. Der ‘Ausländer’ J.J. Scaliger verfasste ein Gedicht an Dousa, ‘de mirandis Bataviae’, das Opitz ins Deutsche übertrug und in dem der geschäftige Fleiss der Niederländer und ihr Handel als unbegreiflich für denjenigen dargestellt werden, der ‘frembd und unbekannt’ sei.4 Der Aufschwung erstreckte sich auf alle Provinzen. Nach Leiden folgten die Grün-

[p. 12]

dungen der friesischen Universitäten in Franeker (1585) und Groningen (1614), Utrecht (1634) und Harderwijk in Gelderland (1648). Hierzu gesellte sich eine stattliche Anzahl von akademischen Gymnasien in Amsterdam, Breda, Deventer und Middelburg, die in ihrem Ruf den Universitäten nur wenig nachstanden und von deutschen Studenten zuweilen vorgezogen wurden. Balthasar Schupp berichtet, während des Hollandauf-enthaltes ‘bande ich mich nicht an die Universitäten, sondern hielte mich in Amsterdam auf, und hörte den alten Vossium, den hochgelahrten Barlaeum.’5 Und er versichert, er habe daraus mehr Nutzen gezogen als aus dem Besuch der Hochschulen. Eine derartige Fülle von Akademien auf engem Raum zog ausländische Studenten und Gelehrte gleichermassen an. Georg Richter empfiehlt 1615 zwei Nürnberger Studenten, in die Niederlande zu reisen, denn es sei ‘vix in ulla Orbis parte Doctorum Virorum numerus ... frequentior, quam in illo terrae angulo.’6 Benthem stellt eine unvollständige Liste von weit über 200 Namen zusammen und erhebt diese Tatsache über morgenländische Wunder. Freilich meldet sich bei ihm der vaterländische Neid: die Gelehrten seien nicht aus eigener Kraft hervorgebracht worden, unter ihnen befänden sich viele Deutsche.7 In der Tat lassen sich unter den Professoren viele ausländische Namen entdecken und nicht nur deutsche. Der Grund, dass so viele Gelehrte dem Ruf in die Niederlande folgten, ist in der politischen und geistigen Freiheit des Landes zu suchen. Während Deutschland im Chaos des Dreissigjährigen Krieges stagnierte, erlebten die Niederländer die Blüte ihres Staates, während hier der Meinungszwang herrschte, konnte im Nachbarland ein jeder ‘frey ... reden, schreiben und leben/ wie es ihm ... gefällt.’8

Die gekrönte Akademie stand in Leiden. Schon früh besang der Leonberger Nikolaus Reusner (1587) ihren Geburtstag:

 
De Academiae Leidanae die natali.
 
 
 
BElgica dum Musas & Gallica pellit Enyo;
 
Dissipat & doctas, quas coluêre, scholas:
 
Suscipit hos tua Leida: fit hinc Academia docta
 
Musarum: quarum fis quoque Duza pater.
 
Carmina retribuunt tibi nunc sua: praeses ut alter
 
(Quis dubitet?) Clarij sis ut Apollo chori.9

Ihr Ruhm breitete sich ständig aus, und sie wurde als Vorbild für deutsche Gründungen herangezogen. In seiner ersten Rektoratsrede vergleicht Matthias Bernegger mit Stolz die Errichtung der Universität Strassburg mit der Leidens. Beide seien aus der äusseren Not heraus geboren, und er schliesst den Wunsch an, die heimische Hochschule möge eine ähnlich glanzvolle Pflegestätte der edlen Künste werden.10

Padua, Bologna, Siena und Prag waren vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert die bevorzugten Studienorte der gebildeten Jugend. Aber bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts traten die Niederlande ins Blick-

[p. 13]

feld, und sie errangen eine Vormachtstellung, die sie während des ganzen 17. Jahrhunderts nicht mehr abgaben. Schon am 23.10.1576 schrieb sich ein ‘Thilmannus Kupus Coloniensis’ als Theologe in das Leidener Album Studiosorum ein. Im folgenden Jahrhundert bildeten die Deutschen die grösste Gruppe unter den ausländischen Studenten. Die Auswertung der niederländischen Matrikeln durch Schneppen bildet eine relativ sichere Grundlage über die Anzahl und die Herkunft deutscher Studenten.11 In den 175 Jahren von 1575-1750 haben sich rund 11000 deutschen Studenten in Leiden eingetragen. Die höchste Frequenz liegt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, während der die Deutschen einen Anteil von 27% an der Gesamtstudentenzahl stellten. In dieser Zeit immatrikulierten sich in bestimmten Jahren mehr deutsche Studenten in Leiden als an den meisten heimischen Hochschulen. Die Herkunftsangaben weisen auf alle Gebiete Deutschlands. Schneppen hat sie statistisch analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der gesamte norddeutsche Raum am stärksten vertreten ist. Erstaunlich wirkt der hohe Anteil der Schlesier, deren bedeutendste Dichter der ersten und zweiten Schule Leiden zum Ziel ihrer ‘peregrinatio academica’ wählten.

Der Entschluss, in den Niederlanden zu studieren, wurde sicherlich auch durch gute Verkehrsverbindungen begünstigt. In einem Führer für Hollandreisende wird als geeignete Route die Landstrasse empfohlen, da die Seefahrt zu ‘langsam und verdriesslich’ sei und man an einem Mangel an Erbauung zu leiden habe.12 Dem Rat wurde meistens nicht gefolgt. Zu den Nachteilen des Kutschierens gehörten hohe Kosten, Wegelagerer und körperliche Strapazen, denn man musste oft ‘etliche 24. Stunden ohne Schlaff in stetiger Bewegung aushalten’ und dabei unempfindlich sein gegen die ‘Kopffstöse in den engen verdecketen Wagen.’13 Die Vorteile der Schiffsreise waren so überzeugend, dass Gryphius für die Fahrt von Strassburg nach Schlesien nicht den direkteren Landweg nahm, sondern den Rhein hinunterfuhr, um über Amsterdam, die Nord-und Ostsee in seine Heimat zu gelangen.14 Man konnte die Reise bei besinnlicher Arbeit oder in froher Gemeinschaft verbringen; der Fuhrlohn war vergleichsweise niedrig, da man die kostensparende Gesellschaft der Kaufleute bevorzugte. Die weitberühmte holländische Handelsflotte gewährleistete häufige und regelmässige Verbindungen.15 Der Süden Deutschlands mit Heidelberg und Strassburg war durch den Rhein verbunden, die Schlesier fuhren die Donau abwärts, schifften sich auf der Ostsee ein und gelangten durch den Sund nach Amsterdam, die Hamburger und Holsteiner schliesslich hatten über die Zuiderzee den kürzesten Weg. Das Unwetter war noch die grösste Gefahr der Schifffahrt, der Piraterie aber scheint man wirkungsvoll entgegengetreten zu sein. Die Zeitungen brachten beruhigende Berichte über erfolgreiche Massnahmen niederländischer Kapitäne, so dass schon gekaperte Schiffe wieder freigelassen wurden, sobald ihre niederländische Nationalität identifiziert war.16

Die literarische Produktion, die durch eine Reise hervorgerufen wurde, ist beträchtlich. Der Fahrende nutzt die Musse der Schiffsreise, um in ei-

[p. 14]

ner Vorausschau Holland und seine Gelehrten zu grüssen, der Scheidende blickt zurück und erinnert sich an die empfangenen Schätze oder an die zurückgelassene Geliebte. So verfasste Opitz ein lateinisches Gedicht ‘Perscriptum in Rheno flumine’ an Heinsius,17 in dem er seiner Heidelberger Gönner gedenkt, durch deren Fürsprache er eine freundliche Aufnahme im Gastland erhoffen konnte. Vincentius Fabricius nimmt das nautische Missgeschick einer Windstille auf der Rückreise zum Anlass, um an die galanten Bande in Leiden und Amsterdam zu denken und allgemeine Betrachtungen über das Wesen der Liebe anzustellen.18 Zahl-reich sind Begleitschriften wie Propemptika und Empfehlungsbriefe. Die Abschiedsgedichte enthalten meist eine Schilderung dessen, was den Reisenden in Holland erwartet: die Gelehrten Leidens werden mit ihren vorzüglichsten Eigenschaften aufgezählt, es folgt ein Hinweis auf die zu besuchenden Städte, unter denen Amsterdam, Leiden, Utrecht am häufigsten genannt werden, und eine Ermahnung, aus der Reise den rechten Nutzen zu ziehen:

 
Zeuch wol auß/nimm zu Gefehrten
 
Reiffes Urtheil/ und Verstand
 
Zeuch der Weisheit nachzustellen
 
Selber in ihr Vaterland.19

Oft wird das Bedauern des Autors hervorgehoben, den Adressaten nicht auf seiner Fahrt begleiten zu können. Er versäumt nicht, hinzuzufügen, dass auch er einmal plante, die Niederlande zu besuchen. Schon das Vorhaben scheint bedeutsam genug, im Gedicht festgehalten zu werden. Es waren in der Hauptsache zwei Gründe, die eine Reise verhinderten. Tscherning schreibt, dass sein Vorsatz durch den ‘Eisenfresser Mars’20 zunichte gemacht wurde, und Simon Dach klagt:

 
Mein Vater Gut war schlecht, sonst wär auch ich gezogen
 
Dem weisen Leiden zu ...21

In späteren Jahren, wenn der Student zurückgekehrt und in Amt und Würden eingesetzt war, spielte die Reise nach Holland noch immer eine grosse Rolle. Wünsche und Erwartungen, die man mit auf den Weg gegeben hatte, waren erfüllt worden, und es gehörte zu den vornehmsten Ruhmestiteln in Hochzeits- und Lobgedichten, wenn man dem Empfänger nachsagen konnte, er habe die Leidener Gelehrten kennengelernt und sich ihre Freundschaft erworben. Auf die Hochzeit von Hofmannswaldau verfasste Köler ein umfangreiches Gedicht, in dem die Wichtigkeit des Reisens herausgestellt wird:

 
Zu vergessen deine Reisen
 
Würde sehr unbillich sein
 
Die dir haben können weisen
 
Aller Völker Zier und Schein.22

Die Schilderung der Fahrt nach Holland nimmt den grössten Raum ein,

[p. 15]

und Köler zeichnet ein umfassendes Bild der niederländischen Gelehrtenwelt, durch deren wohlwollendes Entgegenkommen der Bräutigam sich gebildet habe. Zacharias Lund schrieb ein Lobgedicht auf Christian Cassius' ‘Beschreibung des Königlichen Beylagers in Dennemark’, deren hohen Wert und Anschaulichkeit er lobt.23 Und er weiss dafür auch den Grund anzugeben: Cassius habe sich von frühester Jugend an in der Weisheit geübt und seine Gelehrsamkeit auf Reisen vermehrt, wobei ihn vor allem Heinsius und Grotius unterstützten:

 
Wie oft ist Heinsius euch selbst entgegen gangen
 
Und hat euch/ gleich Fabricium / umbfangen
 
Euch beyden hatte er für andere ihm erwehlt:
 
Oh wer' ich einst der Dritt' in diese Zahl gezehlt.24

Zu den wichtigsten Reisevorbereitungen gehörte es, sich ‘literas commendatias’ von deutschen Gelehrten zu beschaffen, mit denen man sich bei den holländischen Professoren einführen konnte. Es lassen sich zwei Arten unterscheiden: die erste ist an einen holländischen Gelehrten gerichtet und bittet um die Aufnahme eines Studenten, die andere ist an den Reisenden selbst gerichtet. Der Brief sollte ihn auf allen Stationen seiner Fahrt begleiten und die Häuser der Gelehrten öffnen. Roberthin konnte auf seine Reise in die Niederlande ein Schreiben mitnehmen, das Gruter auf Veranlassung Berneggers für ihn verfasst hatte und in dem die Versicherung zu lesen ist:

Quocunque tamen perges, mi Robertine, si libet, meo nomine universos ac singulos officiose salutabis, qui legitimo plane sacramento se devoverunt Apollini nostro ac Minervae Camaenis ac Gratiis, Fidei inquam ac Modestiae.25

Es folgt eine Aufzählung der Städte, die Roberthin passieren wird mit den Empfehlungen an die dort ansässigen bedeutenden Männer. Es sind insgesamt 96. Ein grosser Teil davon entfällt auf die Niederlande: Groningen, Franeker, Den Haag und Amsterdam werden u.a. genannt, und an jedem Ort kann Gruter Gelehrte aufzählen, mit denen er sich verbunden weiss. Den Höhepunkt der Reise soll Leiden bilden. Gruter bekennt: ‘Leyda vera ardet amore meo’26 Roberthin hat diesen Brief auf die Reise mitgenommen und ihn gleichsam als Führer benutzt. Auf dem Rand der Handschrift verbesserte er die Angaben Gruters und brachte sie auf den neuesten Stand.27 Bei Heinsius konnte er sich darüber hinaus mit Briefen von Lingelsheim und Bernegger einführen und wurde dementsprechend mit grosser Freundlichkeit empfangen. Er berichtet darüber in einem ‘cirriculum itineris’.28

Eine derart vorsorgliche Ausstattung eines Studenten ist kein Einzelfall. Man versicherte sich damals des Erfolgs vor Antritt der Reise. Möglich wurde ein solches Empfehlungsnetz durch das Zusammengehö-rigkeitsgefühl der verschiedenen Gelehrtenkreise im allgemeinen und der deutschen mit den niederländischen im besonderen. Eine persönliche Be-

[p. 16]

kanntschaft zwischen dem Empfehlenden und dem Adressaten war nicht notwendig. Die Publikation einiger gelehrter Schriften und ein angesehenes Amt genügten, seinem holländischen Kollegen einen Studenten ans Herz zu legen, mit der Bitte, ihm nicht nur im akademischen Leben zu helfen, sondern auch ‘ad conversationes familiares admittere’, die ‘studia ... atque conatus adjuvare’ und ihm in allen Problemen beizustehen.29 Wenn Heinsius an Buchner schreibt: ‘Adolescentem, quem commendas nobis, & amplexus sum, & quaecunque a me exspectari possunt, bona fide obtuli’,30 so gibt er damit zu erkennen, dass er seine Pflicht erfüllt, die ihm von den Konventionen der ‘respublica literaria’ auferlegt wurde.

Bei der Fülle von Besuchern verwundert es, dass die Gelehrten neben ihrer umfangreichen wissenschaftlichen und akademischen Tätigkeit noch Zeit fanden, den Studenten ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der 18-jährige Vincentius Fabricius gibt von seinen Besuchen bei Heinsius eine unbekümmerte, von jugendlichem Stolz erfüllte Schilderung, die sich von der damals üblichen, hochgestimmten Empfindungslage durch eine konkrete Alltäglichkeit abhebt:

Cl. Heinsius non cessat quotidie novis amicitiis me implicare. Unde spes est fore, ut propemodum aliqua aliunde spes affulgeat. Domo Heinsii tanquam mea utor. Ea absente praesente mihi patet. Supervenio mane, vesperi coenanti, prandenti, ipso non tantum non invito, verum etiam iubente. Vix est septimana qua non coenem cum ipso, aut prandeam. Simul Hagam, saepe Nordovicum excurrimus. Interdum in navi aliquando in curru comes sum.31

Aber Fabricius gehört zu den Ausnahmen. Es hat den Anschein, dass die Mehrzahl der Besuche ähnlich Audienzen in festgefügten Bahnen verlief. Man sprach über gemeinsame Freunde in Deutschland, über ‘eruditio’ im allgemeinen, Philologie, Geschichte, altes Recht im besonderen und vor allem über ‘de optimo veteres interpretandi auctores modo.’32

Die letzte Art der literarischen Reisezeugnisse hat den Charakter der Dokumentation. Es handelt sich um die Eintragungen in ‘alba amicorum’, wenn man so will, ein Austausch von Visitenkarten. Der Besucher bestätigt und lässt sich seinen Besuch bestätigen, mit Namen, Ort und Datum. Vielgeplagte Gastgeber zeichneten oft mit einem Wahlspruch - Heinsius schrieb stets ‘Quantum est quod nescimus’ -, die Bewunderer trugen sich häufig mit Gedichten ein, die dann in den eigenen Poemata gedruckt oder in den ‘liber adoptivus’ des Empfängers aufgenommen wurden.33

Reisegedichte jeglicher Art, Empfehlungsbriefe und Albumverse werden durch die Reise in die Niederlande hervorgerufen, aber ihr Stoff ist nicht das Land selbst, obwohl es itinerarisch erschlossen war. Die von dem in Antwerpen lebenden Florentiner Guicciardini veröffentlichte Discrizione di tutti i Paesi Bassi lag in mehreren Sprachen vor. Georg Richter empfahl sie den Studenten zur vorbereitenden Lektüre.34 Die Tabularum Geographicarum Libri VII von Petrus Bertius wiesen die Lage der Städ-

[p. 17]

te, die mit der ‘trekschuit’ oder dem Wagen leicht zu erreichen waren. Ein Teil des Adels scheint von diesen und ähnlichen Hilfsmitteln Gebrauch gemacht zu haben, denn die Reisebeschreibungen der Grafen, Fürsten und Barone verraten ein erstaunliches Mass an touristischer Ausdauer.35 Liest man jedoch die zeitgenössischen Berichte und die Artikel in biographischen Handbüchern auf die Städte hin durch, die von den deutschen Studenten besucht wurden, kommt man zu einer geringen Anzahl, die sich nicht allein mit der eiligen Fahrt der Kaufleute erklären lässt. Man könnte Alcidalius' Wort über seine Italienreise sinngemäss umwandeln: ‘Media in Batavia Bataviam non video.’36 Der Kanon der besuchten Städte ist klein, und soweit man der Laudatio Kölers entnehmen kann, hat Opitz ihn noch nicht einmal erfüllt. Er fuhr nach Den Haag, aber nicht um die Stadt kennenzulernen, sondern um sich in einem Zentrum der internationalen Politik umzusehen, wo man die Bekanntschaft von so ‘vielen auswärtigen Königlichen und Fürstlichen Gesandten’ machen konnte; er besuchte Dordrecht, aber nur, weil es der Sitz der Synode war.37 An Leiden bewunderte man weniger die Schönheit als das Durchstehen während der spanischen Belagerung.38 Fabricius hielt dort eine öffentliche ‘Oratio de Obsidione & Liberatione Civitatis Leidensis.’39 Man besass ein geistiges, unkörperliches Interesse an den Städten, obwohl doch gerade die Niederländer sie mit Stolz beschrieben hatten. Man betrachtete sie in erster Linie als Aufenthaltsorte der Gelehrten. Den Zweck einer Reise bestimmte man nach Lipsius als die Ausbildung von ‘prudentia’, ‘scientia’, ‘mores’, und die konnte man nur bei ihnen vervollkommnen.40 Nicht im Betrachten von Städten, Kirchen, Bergen und Meeren lag der Nutzen, schon eher im Besuch berühmter Bibliotheken, vor allem aber im Gespräch mit den bedeutenden Männern, die überall und sofort nach der Ankunft aufgesucht werden mussten.41 Darum bildete Leiden das Ziel und den Höhepunkt einer jeden Fahrt. Es liess einen ‘Gelehrten auf der Reise eylen’,42 und sogar das prächtige Amsterdam musste zurückstehen. Gryphius ist ‘den 18. Heumonats bey Amsterdam ausgestiegen/ da er/ als in einer Stadt/ die mehr dem Pluto als den Musen gewidmet/ nicht lange gerastet/ sondern den 22. zu Leiden außgetreten.’43 Dichter und Gelehrte standen gleichermassen im Banne dieser Stadt, in der Opitz den Sitz der gesamten Musenschar sah:

 
Frew dich, du schöner Rein, vnd du gelehrte Statt,
 
Die Hungersnoth vnd Krieg zugleich getragen hat:
 
Der gantze Helicon ist bey dir eingezogen,
 
Nach dem der Hohe Geist von Gent hierher geflogen.44

Die Reisenden spielen eine wichtige Rolle im Rahmen der literarischen Vermittlung. Sie haben selbst die direkteste Art durch den persönlichen Kontakt erfahren und werden selbst zu Vermittlern, indem sie die in den Niederlanden erworbenen Kenntnisse nach Deutschland bringen. Es ist nicht notwendig, dass der gebende und nehmende Autor in persönlicher Verbindung stehen; zwischen beide kann ein Vermittler treten. Die Fest-

[p. 18]

stellung von Hassan, dass kein ‘literary work can be said to influence another without the intermediacy of a human agent’,45 trifft in besonderem Grade für das Frühbarock zu. Die Vermittlung erfüllt gerade in jener Zeit eine wichtige Aufgabe, in der die Poesie als lern- und lehrbar angesehen wird und die im Gegensatz zu Epochen der Originalitäts- und Geniekunst die Nachahmung bejaht. Wichtige Aufschlüsse sind dabei zu erwarten von dem Zeitpunkt oder besser Zeitraum der Vermittlung und von der Stellung des Vermittlers, der häufig ein angesehenes Amt bekleidet und als Haupt einer ‘respublica literaria’ verehrt wird. Neben den persönlichen gibt es natührlich weitere Wege der Vermittlung - es sei nur an die zahlreichen Flüchtlingsgemeinden erinnert. Das ganze Gebiet liesse sich am ehesten in einer Gesamtabhandlung der Kulturbe-ziehungen angemessen darstellen. Hier sollen mit der Korrespondenz von Heinsius und den bibliographischen Voraussetzungen nur zwei Aspekte herausgegriffen werden.

B. Die Vermittlung innerhalb Deutschlands

Ehe die persönliche Vermittlung innerhalb Deutschlands an einigen Beispielen detailliert dargestellt wird, sei noch etwas zu den Bedingungen gesagt. Die hier zu behandelnde Art der Vermittlung überbrückt den Abstand zwischen zwei Literaturen. Ihre Bemühungen wären vergeblich, wenn nicht eine Gleichgestimmtheit beider Seiten und eine Aufnahmebereitschaft der empfangenden vorhanden wären. Nach dem Grad der Nähe oder Ferne richtet sich die Schwierigkeit der Aufgabe. Die Gemeinsamkeiten im niederländisch-deutschen Verhältnis sind offensichtlich. Sie zeigen sich nicht nur in der sprachlichen Verwandtschaft und der zeitlichen wie sachlichen Nähe der zu bewältigenden Aufgaben, sondern auch in der Einstellung der Reformer, die von demselben Patriotismus und Konkurrenzbewusstsein und derselben Polemik gekennzeichnet ist. Die Grundlage der Übereinstimmungen zeigt sich im Preis eines Mannes und eines Ortes, der 1740 in der nüchternen Sprache des Enzyklopädisten als ein ‘schönes Dorff ... in der Niederländischen Provintz Süd-Holland andert-halbe Meilen von der See, und 2 Meilen von Leyden gelegen’1 beschrieben wird, der aber im poetischen Denken des 17. Jahrhunderts mit einer arkadischen Aura umgeben wurde. Es handelt sich um Noordwijk, die Wohnstätte von Janus Dousa, der das Idealbild seiner Zeit verkörperte: als Gelehrter, als lateinischer und muttersprachlicher Dichter, vor allem als Befreier Leidens und Gründer der Universität. Im Jahr 1587 erschien in Heidelberg der schmale Band Encomia Dovsana, von Johannes Posthius herausgegeben, in dem sich 18, überwiegend deutsche Autoren mit weit über vierzig Gedichten zum Lobe Dousas zusammentaten. Man könnte die ganze Schrift unter die Eingangsverse stellen:

 
Dovsa decus Phoebi, patriae seruator & ultor,
 
Et ampla gentis Nordouicae gloria.2
[p. 19]

Seine lateinischen Gedichte werden besungen, der Geburtstag der Leidener Akademie und die Entsetzung der Stadt gefeiert. Die frühe Huldigung findet im 17. Jahrhundert viele Fortsetzungen. Johann Petrus Lotichius schreibt 1625, Dousa werde nicht nur in Holland, sondern auch in Deutschland wegen seiner literarischen Leistungen gepriesen,3 und in demselben Jahr lobt Henrich Hudemann in den Divitiae Poeticae ähnliche Tugenden: Gelehrsamkeit und hervorragende Taten hätten seinen Namen unsterblich gemacht.4

Die Fakten wurden schon frühzeitig verklärt: durch Dousas Wirken konnten die Musen erst ihren Einzug in Holland nehmen. Noordwijk wird nicht nur dem Mantua Vergils oder Catulls Verona gleichgestellt, sondern auch dem Geburtsort Apolls vorgezogen. Heinsius verlegt das wahre Delos von der Ägäis in die Nähe Leidens:

 
T'is Noortwijck nu genaemt, dat Nortwijck, daer den helt
 
En vorst van onse konst is Overste gestelt.
 
Dat Noortwijck daer de zee, dat Noortwijck daer de baeren
 
De sterren trotsen derf, en vreeselick opvaren
 
Door Aeoli gebiedt, dat Noortwijck daer het landt,
 
Als Delos hier te voor, staet midden in het sandt.5

Wie verbreitet die Vorstellung von Noordwijk als dem ‘Delos Batavorum’ war, zeigt Opitz' Gedicht ‘Daphnis’ von 1617, in dem die ‘Nordvvicides agnae’ in erlauchter Schäferumgebung angeführt werden,6 ohne für den Leser unverständlich zu sein. In den Teutschen Poemata bezeichnet er Dousa als den ersten, der Venus in Leiden eingebürgert habe und durch dessen Heldentum aus den ‘Niderland Athen vnd Rom gemacht’ wurde. Er zieht dann die genealogische Linie über Heinsius zu sich selbst.7 Es musste für ihn ein grosses Lob sein, wenn Grotius schreibt, was Holland Dousa verdanke, das verdanke Deutschland Opitz.8

Zu Beginn der dreissiger Jahre des 17. Jahrhunderts wurde Dousa zum schwärmerisch verehrten Vorbild und Noordwijk zum kastalischen Ort, dessen Gegenwart ausreichte, um der dichterischen Inspiration, vor allem Eratos, teilhaftig zu werden. Der Hamburger Vincentius Fabricius verbrachte einen grossen Teil seines Hollandaufenthaltes in Noordwijk, und er verfasste vom ‘genius loci’ angeregt ein Gedicht ‘De laribus Dousicis’.9 Als er dort seine Merilla gefunden und besungen hatte, beeilten sich Heinsius und Scriverius, Gedichte ‘In Amores Nortvicenses Vincentii Fabricii sui’ zu schreiben, in denen nicht nur die Verbindung zur Ida Dousas gezogen wird, sondern auch zur Ausstrahlung des Ortes:

 
Dousa meus doctos Nortvicum transtulit ignes.
 
Nunc afflat vates numine Dousae suo.10

Fabricius wurde in eine Reihe mit Dousa gestellt. Nachdem er einige seiner Schriften an Grotius geschickt hatte, bedankt sich dieser mit den Worten:

[p. 20]
Duos iam fetus ingenii tui felices admodum vidi, Fabrici doctissime, non sine magna mea voluptate... Gratulor Nordovico, quod ibi etiam post Dousas florent Dousarum studia.11

Nach seiner Rückkehr schrieb Fabricius in Hamburg ein Propemptikon ‘Ad Zachariam Lundium ut in Hollandiam veniat, hortatur’. Er empfiehlt dem Reisenden nach Noordwijk zu gehen, dort finde er sein Tempetal und ‘Dousae monumenta, laresque’, und er bekennt stolz, dass seine Gedichte dem Ort viel verdanken.12

Es gibt viele Belege dafür, dass man im 17. Jahrhundert die niederländische und deutsche Literatur als eine Einheit betrachtete. So schreibt Opitz, Heinsius habe ‘vnsre Muttersprach in jhren werth gebracht’, Schottel sagt, Heinsius habe ‘anfänglich den rechten Eingang zur Teutschen Poesie gezeiget’, und Fleming spricht von Cats, Heinsius und Opitz als ‘unsern Deutschen’.13 Die Unterschiede sind lediglich durch geschichtliche und sprachliche Entwicklungen hervorgerufen, sie betreffen aber nicht den gemeinsamen Ursprung. Aus diesem Gefühl der Zusammengehörigkeit heraus sind die Erwähnungen Dousas und Noordwijks zu erklären: man sah in beiden den gemeinsamen Ursprung der nationalen Dichtung, oder, um auf der bildlichen Ebene zu bleiben: die Wiege der deutschen Muse stand im ‘Delos Batavorum’. Damit soll keine einseitige Stellungnahme zugunsten des deutsch-niederländischen Verhältnisses ausgesprochen, sondern lediglich gezeigt werden, dass die Vermittlung von denkbar günstigen Bedingungen ausgehen konnte.

Die Frage, wann und wo Opitz mit der holländischen Dichtung in Berührung kam, wer der entscheidende Vermittler war, ist eines der häufig diskutierten Probleme in der kritischen Literatur, das aber nicht befriedigend gelöst worden ist. Beuthen, Görlitz, Heidelberg und Leiden sind die genannten Orte, Dornau, Scultetus, Kirchner und Heinsius selbst die in Frage kommenden Vermittler. Noch in der neuen Ausgabe von Schulz-Behrend finden sich widersprüchliche Angaben.14 Die Gründe für diese Verwirrung liegen darin, dass man häufig den Zeitpunkt, von dem an Opitz regelmässige Verse schreibt, mit dem Datum der Vermittlung verknüpfte. Man bedachte nicht, dass die Kenntnis der niederländischen Literatur und die Ausübung der neuen Verskunst keine parallelen Vorgänge zu sein brauchen, sondern dass es sich um einen Prozess der allmählichen Aneignung handelt. Weiterhin hat man nicht versucht, Opitz' eigene Äusserungen aus der frühen Zeit auf dieses Problem hin zu prüfen.

Soweit sich in Opitz' Biographie feststellen lässt, trifft er in Breslau (1614) zum ersten Mal mit Persönlichkeiten zusammen, deren Beziehungen zum niederländischen Humanismus verbürgt sind.15 Ein Zeugnis aber, dass er damals schon Kenntnis der holländischen Literatur erhalten hätte, ist nicht überliefert. Erst das Jahr 1616 sollte eine Wende bringen. Im März traf Opitz in Beuthen ein, wo er sogleich enge Beziehungen zu Caspar Dornau knüpfte, dem für die Jahre 1617-1818 das Rektorat des Schönaichischen Gymnasiums übertragen worden war. Nach dem Studi-

[p. 21]

um in Jena hatte Dornau ausgedehnte Bildungsreisen unternommen, die ihn durch die Schweiz, Frankreich, England und die Niederlande führten. In Heidelberg lernte er Janus Gruter kennen, mit dem er noch lange in brieflicher Verbindung stand.16 Dornau war in allen europäischen Literaturen bewandert, und er übersetzte Ronsard. Als ‘professor morum’ wird er grossen Anteil an der Entwicklung des jungen Dichters gehabt haben. Opitz bezeugt seine Dankbarkeit in mehreren lateinischen Gedichten, deren frühestes eine kurze Prosaeinleitung hat, die mit den Worten schliesst: ‘Vale, magna literarum confidentia et ... nos ... Ill. Sculteto commenda.’17 Durch Dornaus Fürsprache soll Opitz im Hause von Scultetus aufgenommen und Erzieher von dessen Sohn Hieronymus Caspar geworden sein.

Tobias von Schwanensee und Bregoschütz, der den Beinamen Scultetus trug, stand im Ruf eines aussergewöhnlich gelehrten Mannes, der mehrere Sprachen beherrschte. Er scheint der Mittelpunkt des gebildeten Beuthens gewesen zu sein. Balthasar Exner, selbst ein über die Grenzen Schlesiens hinaus angesehener Professor, rühmt sein Haus als ein

Orakel, magst Du zugegen sein oder fern sein. Denn wenn Du anwesend bist, gewährst Du uns einen Schatz aller Kenntnisse und unterstützt uns durch Deinen reichen Geist und Dein scharfes Urteil. Bist Du aber abwesend, so haben wir Deine Bibliothek, die mit Büchern aller Fächer reich gefüllt ist.18

Keinen anderen Gelehrten, dem er in seiner Jugend begegnete, bringt Opitz öfter und eindringlicher mit seiner Dichtung in Verbindung als Scultetus. Ein lateinisches Widmungsgedicht an ihn enthält die erste Anspielung auf die holländische Literatur.19 Im Aristarch nennt er Scultetus im Zusammenhang mit seinen ersten Versuchen in deutscher Sprache:

Memini Illustri ac Nobilissimo Viro, Dn. Tobiae Sculteto ... meo aeternum venerando, Germanicos quosdam meos ... versiculos non ita pridem fuisse oblatos. Ibi Heros Literatissimus conatum meum non improbare non solum, sed et nutu humanissimo solari coepit ac corroborare.20

Die Bedeutung von Scultetus lässt sich an Gedichten, in denen Opitz von seinen Anfängen als deutscher Dichter spricht, weiter belegen:

 
Es ist nicht lange Zeit daß ich die Venus fande
 
An einem grünen Orth in meinem Vatterlande,
 
...
 
Sie wolte daß jhr Sohn hier bey mir solte bleiben,
 
Vnd vnser Teutsche Sprach auffs best ichs wüste treiben,21

Der Sinn der Verse erschliesst sich erst dann richtig, wenn man die Vorlage von Heinsius kennt:

[p. 22]
 
Ionckvrouwen 't is om u ...
 
...
 
Het is om u geweest, alleen om dese saeck,
 
Dat ick Cupido wil gaen leeren onse spraeck.
 
Self Venus van dit jaer (het is niet lang' geleden)
 
Quam vroeyelick en bly naer Hollands rijcke steden,
 
...
 
Zy wou dat haeren soon by my wat zou verkeeren,
 
Op dat hy onse spraeck van Hollandt mochte leeren.22

Als wichtigste Änderungen fallen auf: die Zeitangabe ist bei Opitz allgemeiner gehalten und der Ort aus ersichtlichen Gründen geändert. Es ist ein häufig bemühtes Motiv, Venus und Cupido als Erwecker der muttersprachlichen Dichtung darzustellen, denn die Liebesdichtung richtete sich an die Jungfrauen und sollte von ihnen verstanden werden. Insofern sagt diese Stelle nichts aus über Opitz' Dichtertum und auch schon deshalb nicht, weil es sich um eine Übersetzung handelt. Er hat aber das Motiv in einem Gedicht ‘Auff Herren Matthei Ruttarti vnd Jungfraw Annae Namßlerin Hochzeit’ am 11. Juli 1618 noch einmal verwendet:

 
Daß Venus zu mir kam (es ist noch nicht ein Jahr)
 
Am schönen Wasserberg mit jhrer gantzen Schar.
 
Sie bat/ ich wolt' jhr Kindt lassen bey mir einkehren/
 
Vnd es die Teutsche Sprach/ so gut ich's wiste/ lehren:23

Die Änderungen betreffen wieder Ort und Zeit des Venus-Besuches. Die bei Heinsius vorgefundene Zeitangabe wird am Versende hervorgehoben und präzisiert: ‘es ist noch nicht ein Jahr’. Damit verweist Opitz auf seinen Aufenthalt in Beuthen. Die Liebesgöttin kommt nicht nach Holland oder an einen grünen Ort, sondern zum ‘schönen Wasserberg’. Höpfner hat erkannt, dass damit das kleine Schloss ‘Bellaquimontium’ von Scultetus gemeint ist.24 Diese Verse stimmen also mit der zitierten Stelle aus dem Aristarch überein, nach der Scultetus ihn zu deutschen Gedichten ermuntert habe. Es ist dabei bedeutsam, dass Opitz seine ersten deutschen Verse in engem Anschluss an Heinsius motiviert, ebenso wie er nur wenige Jahre später die Wendung von der Liebes- zur ernsten Dichtung nach einer Vorlage des Holländers formuliert.25 Dass Opitz die Nederduytschen Poemata schon in Beuthen gekannt hat, beweist eine Stelle im Aristarch, die der Erwähnung von Scultetus unmittelbar vorangeht. Sie ist in der kritischen Literatur ohne ersichtlichen Grund angezweifelt worden.26 Opitz beklagt den Umstand, dass die poetische Gabe der deutschen Sprache nicht genutzt worden sei, während andere Länder hervorragende Dichter hervorgebracht hätten. Als Beispiele nennt er die Italiener und Franzosen und kommt dann auf die Niederländer zu sprechen:

Belgae quoque eadem virtute stimulati id ipsum tentaverint. Nec infeliciter sane. Extant enim praeter caetera, Danielis Heinsii, hominis ad miraculum usque eruditi, Poemata vernacula, quibus ille Latino-
[p. 23]
rum suorum carminum elegantiam non aequavit modo, sed quadamtenus illa et se ipsum fere exuperavit.27

Die Nennung der ‘Belgae’ legt den Schluss nahe, dass Opitz 1617 nicht nur die Gedichte von Heinsius kannte. In der Vorrede ‘An den Leser’ zu der bereits 1619 vollendeten Übersetzung von Heinsius' Christus-Hymne spricht Opitz wieder über die Anfänge seiner deutschen Dichtung, diesmal aber mit direktem Bezug auf die holländischen Vorbilder:

Als mir vor wenig Jaren etliche Holländische Reime/ auff welcher art dieser Lobgesang gemacht ist/ zue handen gestossen/ haben sie mir/ Günstiger Leser ... sehr gefallen/ vnd vnterweilen ... mit vnserem Deutschen dergleichen versuch zue thun anlaß gegeben.28

Es ist abermals eine Zeitangabe, die auf den Beuthener Aufenthalt verweist. ‘Etliche Holländische Reime’ steht als ein Glied des Vergleiches zu den Versen von Heinsius und kann daher nicht auf diese bezogen werden. Wahrscheinlich ist damit die anonyme Sammlung Den Bloem-Hof Van de Nederlantsche Ieught gemeint, denn kurz nach der Abreise aus Beuthen veröffentlichte Opitz 1618 in Görlitz den Hipponax ad Asterien, dem sechs deutsche Gedichte angehängt sind. Unter ihnen befindet sich das Sonett ‘Was will ich über pusch ...’, das aus dem Bloem-Hof übersetzt ist.

Es bleibt noch eine Wendung im Aristarch zu behandeln, die den bisherigen Belegen zu widersprechen scheint. Opitz nennt seine ersten deutschen Verse ‘Gallico more effictos.’ Von Rubensohn (1895) bis zu Schulz-Behrend (1968) ist sie stets in dem Sinne verstanden worden, Opitz habe mit der Bearbeitung französischer Gedichte begonnen.29 Zunächst einmal ist es merkwürdig, dass von diesen Beispielen nichts erhalten ist, obwohl sie die Zustimmung von Scultetus gefunden haben sollen. Zum anderen bezieht sich der Ausdruck ‘Gallico more’ nicht notwendig auf französische Gedichte. Er sagt doch gerade, dass es sich um solche handelt, die auf französische Art verfasst sind, das heisst: in Form und Inhalt der Pléiade folgen. Es wird sich unten zeigen, dass die Nederduytschen Poemata und der Bloem-Hof eine Fülle von Gedichten enthalten, auf die diese Charakterisierung zutrifft. ‘Gallico more’ ist eine zeitgenössische Bezeichnung für die neue Dichtungsart, sagt aber nichts über eventuelle Vorbilder aus. Sie ist gleichbedeutend mit dem, was Bernegger Gedichte ‘novae musae’ und das Gegenteil von dem, was Zincgref ‘Poemata ... der alten Welt’ nennt.30 So schreibt Köler am 6. April 1626 aus Strassburg an Johann Valentin Andreae:

Ego praeter latinam poesin exemplo Opitii nostri Germanicae carmininis(!) genere Gallo-Belgico vario navo.31

Und ähnlich heisst es in der ersten Ausgabe von Homburgs Clio:

Ist nun vielleicht etwas daß dir schmeckt/ so halte es fast meistentheils vor die Frantzösische vnd Holländische Artigkeit.32
[p. 24]

Auch diese Stelle des Aristarch könnte also als ein Hinweis auf die niederländische Literatur verstanden werden. Hierzu sei eine hypothetische Überlegung angeführt. Opitz vermerkt auf dem Rand: ‘In natalem Hieronymi Caspari.’ Bei seinen ersten deutschen Versen handelt es sich also um ein Geburtstagsgedicht auf den Sohn von Scultetus. Opitz hat sich in der Gelegenheitsdichtung eng an die Niederländer angeschlossen. Die Teutschen Poemata enthalten nur ein ‘Geburt-gedichte’ (Nr. 78), als dessen Quelle seit der Ausgabe Witkowskis das Sonett Nr. 38 aus dem Bloem-Hof angegeben wird. Gellinek hat es analysiert und als eine selbständige Bearbeitung bezeichnet: Opitz entferne sich grösstenteils von der Vorlage; in der Änderung des Reimschemas in aabccb - spätere Ausgaben haben dementsprechend sechszeilige Strophengliederung - zeige sich eine Entwicklung vom Lied zum Lehrgedicht.33 Dabei wird übersehen, dass die Änderungen nicht auf einer selbständigen Bearbeitung, sondern auf einer weiteren Quelle des Bloem-Hof, dem ‘Geboort-Dicht’ (Nr. 48), beruhen. Ihr entnahm Opitz die Stropheneinteilung und eine ganze Reihe von Versen. Beide holländischen Gedichte haben wahrscheinlich denselben Verfasser. Sie unterscheiden sich in Form und Umfang, inhaltlich aber sind sie ähnlich. Die Gründe für die Vermischung durch Opitz sind schwer ersichtlich; es könnte sich um ein eklektisches Schaffensprinzip handeln, aber es wäre auch möglich, dass das Gedicht in den Teutschen Poemata aus Vorarbeiten hervorgegangen ist, die beide Gedichte aus dem Bloem-Hof zum Gegenstand hatten. Es wäre dann nicht ausgeschlossen, dass das Geburtstagsgedicht auf Hieronymus Caspar Scultetus zu diesen Vorarbeiten gehört hat.

Die angeführten Belege haben mit hinreichender Sicherheit gezeigt, dass Opitz die niederländische Dichtung schon 1617 in Beuthen kennenlernte und dass Tobias Scultetus mit seiner reichhaltigen Bibliothek der entscheidende Vermittler war. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu der weitverbreiteten Auffassung Hoepfners, Caspar Kirchner sei der erste gewesen, der Opitz mit der niederländischen Dichtung bekannt gemacht und ihm beim Erlernen der Sprache geholfen habe.34 Es wird aber richtig sein, dem Vetter einen entscheidenden Anteil an Opitz Beschäftigung mit der niederländischen Literatur zuzusprechen. Er spielt eine ähnliche Rolle wie Caspar von Barth.35 Kirchner hatte sich am 30. Juni 1617 in die Leidener Matrikel eingetragen.36 ‘Captus et loci et virorum doctorum celebritate, quorum praestantissimum quemvis in amicitiam suam pertraxit.’37 Es war Heinsius, zu dem Kirchner in enge Verbindung trat und der ihm beim Weggang aus Leiden ein Propemptikon übergab.38 Zu seiner Hochzeit erschien eine Gratulationsschrift mit dem Gedicht eines Leidener Studienfreundes, der berichtet, Kirchner habe oft bei Heinsius gesessen.39 Opitz' Bewunderung zeigt sich an vielen Widmungsgedichten. In der Vorrede zum ‘Lobgesang Jesu Christi’ bekennt er, dass es Kirchners ‘Gutachten’ war, das ihn zur Übersetzung veranlasste, und er preist ihn als einen Kenner der niederländischen Literatur.40 Unter den Gedichten, die Kirchner zu dem Anhang der Teutschen Poemata von 1624 bei-

[p. 25]

steuerte, befinden sich zwei Übersetzungen aus dem Bloem-Hof und den Nederduytschen Poemata .41

Die Widerlegung der Kirchner-These hatte nicht nur den Zweck, eine Unstimmigkeit in der Sekundärliteratur zu Opitz zu beheben. Sie zeigt, dass die niederländische Literatur so stark verbreitet war, dass Impulse und Anregungen den aufnehmenden Autor von verschiedenen Seiten her erreichten. Zu dieser Situation haben illustre Gymnasien und Universitäten beigetragen, wobei nicht in erster Linie an Niederländer in Deutschland gedacht wird. Wie stark auch der Strom der Bildungs-reisenden in die Niederlande war, so spärlich floss er in umgekehrter Richtung. In der Zeit, als Opitz in Heidelberg studierte, schrieben sich noch nicht einmal 10 Niederländer in die Matrikel ein. Unter ihnen befand sich jener Suffridius Sixtinus, der durch die Plünderung von Gruters Privatbibliothek zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist,42 der aber auch in literaturgeschichtlicher Hinsicht von Bedeutung ist. Mit seinem Schauspiel Apollo wurde 1617 die Akademie von Coster in Amsterdam eingeweiht.43 Sixtinus, der sich in Heidelberg als Amsterdamer einschrieb,44 wird mit den literarischen Verhältnissen dort vertraut gewesen sein. Vielleicht ist auf seinen Einfluss Opitzens überraschende Nennung der Amsterdamer Dramatiker in der Vorrede zu den Teutschen Poemata zurückzuführen (s.u.S.40).

Bedeutsamer als solche vereinzelten und nur schwer zu beweisenden Beobachtungen ist die Feststellung, dass es kaum eine deutsche Hochschule gab, die nicht an einflussreicher Stelle wenigstens einen Lehrer gehabt hätte, der die Niederlande auf seiner ‘peregrinatio’ selbst besuchte oder mit ihren Gelehrten in Verbindung stand. Das ist umso wichtiger als sich die muttersprachliche Dichtung an den Universitäten einen Platz eroberte. Ebenso wie seit etwa 1580 in Leiden durch das Wirken Dousas, van Houts und Heinsius' Akademie und Muttersprache eine enge Verbindung eingingen, so gibt es zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Deutschland eine Anzahl Professoren, die für die deutsche Dichtung eintraten und ihre Schüler dazu anhielten. Um diesen Sachverhalt unter dem Gesichtspunkt der niederländisch-deutschen Vermittlung zu erfassen, werden mit Strassburg, Heidelberg und Wittenberg drei Universitäten ausgewählt, die für die Dichtung des Frühbarock von grosser Wichtigkeit sind. An ihnen lehrten literarisch einflussreiche Professoren.

Berneggers Beziehungen zu den Niederlanden sind reichhaltig dokumentiert durch die eigenen Äusserungen und die Briefwechsel mit Heinsius und Grotius, der sich sogar darum bemühte, ihm einen Ruf nach Amsterdam oder Leiden zu verschaffen.45 Noch in seinen letzten Lebensjahren beklagte er in einem Brief, dass er nicht solche Lehrer gehabt habe wie die Leidener Salmasius, Heinsius und Gronovius.46 Auf einen ähnlichen Umstand führte er es zurück, ‘ut ne malus quidem poeta sim, sed plane nullus.’47 Wenn Bernegger auch kaum mit eigenen Versen an die Öffentlichkeit trat, so gehörte er doch zu den tatkräftigsten Förderern der neuen Dichtung. Seine Mitwirkung konzentrierte sich auf die Hilfe bei

[p. 26]

Veröffentlichungen: er sammelte Gedichte, las Korrekturen und führte die Verhandlungen mit den Druckern. Seine grösste Fähigkeit lag in der Anregung seiner Schüler. Es ist kein Zufall, dass gerade er sich mit Problemen der Didaktik beschäftigte. Eine unter seinem Rektorat ausgearbeitete Schulordnung verlangte von dem Praeceptor der Septima, er solle ‘den Knaben nicht alleine gute Lateinische Phrases inculiere(n), sondern auch zu einem rechten guten Teutschen gewöhne(n).’48 Bernegger hielt private Vorlesungen über deutsche Poesie, und in seinem Hause hatte er Studenten aufgenommen, die er durch das persönliche Gespräch förderte: ‘Über Tisch ... haben wir unterschiedliche nützliche Bücher durchlesen, daraus wir zu nützlich Gespräch Anlass genommen.’49

Zu den Dichtern, die mit Bernegger Umgang hatten, gehörte neben Roberthin und Czepko der Bunzlauer Christoph Köler, eine der stärksten dichterischen Persönlichkeiten im Strassburger Kreis. Er trug sich als 22jähriger in die Matrikel der Universität ein und brachte es innerhalb kurzer Zeit zu einem anerkannten Advokaten der neuen Kunstrichtung.50 Die Bartas-Übersetzungen des der Reform ablehnend gegenüberstehenden Johann Valentin Andreae glättete er nach den neuen Regeln; andre Dichter sandten ihm ihre Werke zur Beurteilung und Überarbeitung.51

Kölers Ansehen beruhte wahrscheinlich auf der handschriftlichen Verbreitung seiner Gedichte. Ausser den Gelegenheitsschriften wurde nichts von ihm gedruckt. Schon Erdmann Neumeister schreibt, er habe nur ein Gedicht von ihm gesehen.52 Der Schlesier hatte mehrere Male geplant, seine deutschen Carmina zu veröffentlichen und kündigte sie bereits im Messekatalog an. Noch 1639 berichtet er in einem Brief an Meursius von der wieder aufgenommenen Absicht einer Publikation. Die Vorhaben aber scheiterten jedesmal an finanzieller Ohnmacht, die auch die Hoffnungen auf eine Reise nach Leiden zunichte machte.53 Kölers entscheidende und fruchtbarste Schaffensperiode fällt in die Strassburger Studienjahre. Bei kaum einem anderen Dichter der Zeit lässt sich eine so scharfe Frontstellung gegen die romanischen Literaturen erkennen wie bei ihm. In programmatischen Gedichten an Czepko und auf die französischen Gesänge des Strassburger Organisten Adam Hetz verweist er den Franzosen und Italienern ihren Hochmut, da die deutsche Dichtung bei weitem überlegen sei.54 Zu diesen Äusserungen fügt sich die Beobachtung, dass sich in seinem frühen Werk fast keine Anklänge an Italiener und Franzosen finden. Ein Jahr nach dem schon zitierten Brief, in dem Köler seine deutschen Verse mit ‘genere Gallo-Belgico’ charakterisiert, schildert er in einem Gelegenheitsgedicht seine literarische Entwicklung. Als Vorbilder nennt er neben antiken Autoren und Opitz auch Johannes Secundus und Heinsius.55 Die niderländischen Neulateiner haben einen starken Einfluss ausgeübt. Er übersetzte mehrere ihrer Gedichte, und in seinem Nachlass befand sich ein Heft, in das er sich Werke aus den Delitiae poetarum Belgicorum abgeschrieben hatte. In einem weiteren Brief von 1628 sagt er, dass neben einigen Gedichten von Opitz Heinsius' Christus-

[p. 27]

Hymne den stärksten Eindruck auf ihn gemacht habe.56 Spuren aus den Nederduytschen Poemata finden sich häufig im frühen Werk Kölers, und schon 1626 übersetzte er daraus ‘Het sterfhuis van Cupido’ ins Deutsche. Durch das Beispiel von Opitz, dessen Teutsche Poemata gerade damals in Strassburg erschienen waren, und durch die Anregungen Berneggers angespornt wählte sich Köler die Poesie von Heinsius zum Vorbild.

Im Mittelpunkt des literarischen Lebens in Heidelberg stand mit Janus Gruter ein Mann, der auf Grund seiner Herkunft und seines Bildungsganges dazu berufen war, als einer der einflussreichsten Statthalter niederländischer Literatur in Deutschland aufzutreten.57 Gruter wurde 1560 in Antwerpen geboren, er floh mit seiner Familie 1567 vor den Truppen Albas nach England, studierte in Cambridge und Leiden, wo er 1584 den juristischen Doktorgrad erwarb. Ende der 80er Jahre ist er an den Universitäten Rostock und Wittenberg tätig und seit 1592/93 als Professor der Geschichte in Heidelberg, wo er 1602 die Leitung der Palatina übernahm. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass sie zu einer der berühmtesten Bibliotheken Europas wurde. Die eigene, private Büchersammlung war so wertvoll und reichhaltig, dass noch heute Nachforschungen über ihren Verbleib angestellt werden.58

Gruters Aufenthalt in Leiden ist besonders wichtig. Er verkehrte dort mit den Gründern der holländischen Renaissancedichtung und verfasste in dieser Zeit 500 Sonette in seiner Muttersprache, die die Zustimmung von van Hout und Dousa fanden. Sie wurden niemals gedruckt, aber Opitz hat sie gekannt und der Veröffentlichung für wert befunden.59 Über Form und Inhalt der Gedichte sind wir auf Spekulationen angewiesen. In einem erhaltenen bezeichnet sich Gruter als der erste Übersetzer römischer Dichtung:

 
Ic was die eerst het dicht vertaelde der Romeynen60

Gruters Kontakte zu den literarischen Zentren der Niederlande sind zahlreich: mit Heinsius und Scriverius korrespondierte er, die Maechdenplicht von Cats übersetzte er ins Lateinische, und er stand in Verbindung mit den Amsterdamer Rederijkern. Das zeigt ein poetischer Brief Anna Roemer Visschers an ihn, der mit den Versen endet:

 
Ik meen mijn Vaders naem is u nu niet verholen,
 
Die u van herten groet. Sijt Godt den Heer bevolen.61

Gruter war damit befähigt, eine bedeutende niederländisch-deutsche Vermittlerrolle zu übernehmen. Als wollte Opitz dies hervorheben, nennt er ihn ausdrücklich ‘Batavus’, und Heinsius spricht ihn an: ‘Clarissime Grutere, qui cum paucis hoc tempore dignitatem litterarum in Germania vestra sustines.’62

Wenn Gruter auch die muttersprachliche Dichtung seit der Leidener Zeit bewusst aufgab,63 so liess er dennoch den Folgenden nachhaltige Förderung zuteil werden. Sein Verhältnis zur jungen Poetengeneration und zum Heidelberger Kreis ist vielfach bezeugt. Man schickte ihm deut-

[p. 28]

sche Verse, und er antwortete mit dem Bekenntnis, dass ihm gerade jene besonders lieb seien, die auf dem von ihm einst beschrittenen Weg weitergingen; man verherrlichte ihn in Gedichten, und er antwortete mit lateinischen, die den Ausgaben der deutschen Werke vorangestellt werden konnten.64 Palm hat eine negative Beurteilung des Verhältnisses von Gruter zu Opitz gegeben, die von späteren Forschern, so z.B. auch von Szyrocki, allzu bereitwillig übernommen wurde. Der Verfasser beruft sich auf einen Brief an Kirchner, in dem Gruter schreibt, er habe Opitz nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.65 Der Brief aber sollte unter dem Gesichtspunkt der rhetorischen Bescheidenheit gewürdigt werden. Die literarischen Anregungen, die Gruter vermittelte, zeigen sich z.B. konkret an den Übersetzungen von Opitz aus dem Thronus Cupidinis, den er 1619 für die Palatina bestellt hatte.66 Heinsius schrieb 1618 an ihn:

Eidem (i.e. Elzevier) diximus, ut Hymnum nostrum ... in quo fuse quicquid ad personam Christi spectat, partim stricto, partim soluto sermone ... vernacule tractavimus, adiungat. Nisi fallor, lingua nostra et poesis, aliquid debebit nobis olim.67

Opitz war in Heidelberg mit der Übersetzung des Lobgesanges auf Christus beschäftigt. Wenn auch Kirchner den Anstoss dazu gab, so kann man dennoch annehmen, dass Gruter einen beachtlichen Anteil daran hatte, denn dass er den Dichter zur Veröffentlichung seiner deutschen Werke antrieb, bekennt dieser selbst in der Vorrede zur Christus-Hymne.68

Eine noch grössere Wirkung als Gruter und Bernegger im Süden übte Buchner im Osten Deutschlands aus. Durch seine Lehrtätigkeit wurde Wittenberg zum bevorzugten Studienort und er selbst zum schwärmerisch verehrten Vorbild der jungen Dichtergeneration.69 Unter den Gelehrten des 17. Jahrhunderts stellt Buchner eine Ausnahme dar. Seine Biographie ist arm an konkret fassbaren Höhepunkten. Nachdem er seine Studien unter Taubmann beendet und schon früh den Lehrstuhl für Poesie in Wittenberg erhalten hatte, verliess er die Stadt kaum noch, und vorher war er wenig gereist. Holland und seine Gelehrten hat er nicht kennengelernt und dies als einen Mangel empfunden, den er durch eine weitverzweigte Korrespondenz und die Empfehlungen seiner Schüler auszugleichen versuchte. Ein Brief an Joachim Hagmeier, der sich 1639 in Leiden einschrieb,70 zeigt, wie sehr ihm daran gelegen war, Nachrichten von dort zu empfangen:

Gestio sane amplecti te, gestio audire ex te, quae videris in Belgio & Batavis, quos tibi amicos paraveris & si quae alia sunt, quae jucundum mihi audire & tibi narrare.71

Buchner stand mit einer ganzen Anzahl niederländischer Gelehrter in Verbindung, die zu Heinsius pflegte er mit besonderer Hingabe. Es lässt sich nicht mehr feststellen, wann der erste Kontakt zwischen beiden stattgefunden hat, in den 30er Jahren jedoch standen sie in einem regen

[p. 29]

Brief- und Gedichtaustausch. Eines der letzten überlieferten Zeugnisse ist ein Gedicht Buchners, das er 1645 nach Leiden sandte:

Illustri Viro
DANIELI HEINSIO
Aug. Buchnerus
 
Miraculum orbis, saeculi tui decus,
 
Illustris Heinsi, salve, & egregio viro,
 
Os intueri qui túúm ardenter cupit,
 
Quod mundus universus attonitus stupet;
 
Et tot fatigatam osculis sanctis manum,
 
Venerari & ipse, laetus, ut soles, fave
 
Nec sperne honorem Te colentis. Hoc viri
 
Virtus meretur, teque Buchnerus rogat,
 
Tuus ille cultor quamdiu vitam colet.
 
 
 
Wittenbergae ad d. XIII Febr.
 
A. MDCXLV.72

Buchners Lob für den Holländer ist an vielen Stellen mit jener Überschwenglichkeit behaftet, die die Glaubwürdigkeit einzuschränken scheint. Als einer seiner Schüler ihn mit Heinsius auf eine Stufe stellt, entgegnet er, das sei nichts anderes, als einen Menschen mit Gott zu vergleichen. Er wird nicht müde, die wissenschaftlichen Arbeiten von Heinsius zu loben, sein grösstes Interesse aber gilt dem Dichter. ‘Poetarum autem omnium longè Princeps est.’ Als dieser ihm ein Gedicht sendet, nennt er es ‘divinum planè, ut omnia illius incomparabilis viri sunt.’ Und über den Lobgesang auf Christus schreibt er an Barth:

Ille Hymnus Heinsii, o quam me cepit! Nihil sane mentior: lectione ejus tantum erecta mens & mortalibus rebus subtracta fuit.73

Er selbst fertigte Übersetzungen aus dem Werk von Heinsius an und sandte sie an Opitz und Kirchner zur Beurteilung.74 Bei aller noch so hohen Wertschäzung scheute Buchner nicht davor zurück, Heinsius in ästhetischen Fragen, die unten zu behandeln sein werden, mit kritischem Geist entgegenzutreten.

Buchners Bewunderung war nicht einseitig. Sie wurde beantwortet, wie die Briefe von Heinsius beweisen. Bei seinen Zeitgenossen stand er im Rufe eines von den Niederländern geschätzten Mannes.75 Fabricius widmete ihm nach seiner Rückkehr aus Holland ein Gedicht, in dem er von Heinsius' Hochachtung schreibt:

 
Wie ist es/ Herr/ daß jhr so selten nu mehr singet/
 
Daß ewre schöne Leyr jetzt nicht so frewdig klinget/
 
Von welcher ich vorlängst die Liebligkeit empfand/
 
Vnd höret' jhren Thon auch in dem Niederland.
[p. 30]
 
Mein Heinsius der pflag sein Ohr auch hin zu kehren/
 
Vnd mit Verwunderung sampt mir Euch zuzuhören/
 
...
 
Nicht niederig/ nicht stoltz ist/ was der Buchner schreibt.
 
Er ist es doppelt werth/ daß wir jhn alle lieben/
 
Vnd in der Freunde Zahl werd' oben angeschrieben.76

Zu Buchners Schülern gehörten die kleineren Dichter, wie Fabricius, Lund und Schneider, und jene, die heute zu den bedeutendsten gezählt werden, wie Fleming, Klaj, Harsdörffer, Zesen u.a. Er hielt Vorlesungen über deutsche Poesie und verfasste eine Anleitung zur Deutschen Poeterey, die schon vor der posthumen Veröffentlichung von fast allen Theoretikern der 40er und 50er Jahre erwähnt und benutzt wurde. Er schrieb deutsche Verse, die ihm den Ruf eines grossen Dichters einbrachten, obwohl nur ein kleiner Teil von ihnen gedruckt wurde. Poetik und Poesie waren unter seinen Schülern handschriftlich verbreitet. Buchner scheint nicht viel Wert auf die Veröffentlichung der Werke gelegt zu haben. Er sah seine Aufgabe in der Lehre. Der Briefwechsel mit seinen Schülern ist ein guter Beweis für die sorgsame Aufmerksamkeit, die er ihnen zuteil werden liess, ebenso wie die vielen Gedichte, die er als Aufmunterung an sie richtete.77 Zacharias Lund schreibt in diesem Sinne an Fabricius nach Leiden: ‘Quod tibi Heinsius ille Batavorum Apollo, hoc mihi clarissimus noster Buchnerus.’78 Tiefe Gelehrsamkeit und menschliche Ausstrahlung liessen Buchner zu einem der fruchtbarsten Anreger der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts werden. Bei dem skizzierten Verhältnis zu Heinsius liegt es nahe, dass dieser dabei eine zentrale Rolle gespielt hat.

Die grossen Vermittler waren in erster Linie keine Dichter in deutscher Sprache. Ihre Aufgabe lag in der Belehrung und Anregung. Die Tätigkeit als Universitätslehrer brachte es mit sich, dass sie auf ihre Schüler während der Jugendzeit einwirken konnten, die für die Barockdichter von entscheidender Bedeutung ist. Nach Willi Flemming drängt sich die Produktion auf wenige Jahre zusammen. ‘Nach juvenilem Lernen und Probieren’ erlangen sie ‘rasch die ihnen angemessene Gewandtheit der Form’, und ‘ihre dichterische Individualität’ ist damit fertig geprägt.79 Sie machen keinen Reifeprozess durch, sondern fahren fort in den früh eingeschlagenen Wegen, die zu einem grossen Teil von holländischen Dichtern geebnet worden waren.

C. Der Briefwechsel von Daniel Heinsius mit deutschen Korrespondenten

Zum Bereich der persönlichen Vermittlung lässt sich auch der Briefverkehr rechnen. Über den Umfang der Heinsiusschen Korrespondenz ist man auf mehr oder weniger gesicherte Vermutungen angewiesen, da es von ihm keine der üblichen Briefeditionen gibt, und er wenig Wert auf

[p. 31]

ihre Veröffentlichung gelegt zu haben scheint. Vincentius Fabricius berichtet am 13.3.1634 an Vagetius nach Hamburg, dass die Briefe des Heinsius in seinem Hause ‘permixtae jacent’. Er habe daher mit dem verehrten Meister begonnen, sie in Faszikeln systematisch nach den Autoren zu ordnen.1 Vielleicht handelte es sich hierbei um die Vorarbeiten für eine Ausgabe, die aber bald abgebrochen werden mussten, da Fabricius wegen einer Krankheit seiner Mutter schon im Mai desselben Jahres die Niederlande verliess.2 Über die Anzahl der Briefe vermerkt er: ‘Ego arbitror myriades aliquot esse’.3 Sicherlich darf man das nicht nur metaphorisch verstehen, es wird sich tatsächlich um Zehntausende gehandelt haben. Der Herausgeber der Korrespondenz von Constantijn Huygens errechnete, dass dieser über 70.000 Briefe geschrieben habe. Hierin sind allerdings auch die offiziellen Schreiben enthalten, aber selbst für den privaten Briefwechsel schätzt er mit den Antworten die stattliche Zahl von 36.000 Briefen.4 Es wäre müssig, eine ähnliche Schätzung bei Heinsius vornehmen zu wollen. Das Beispiel wurde nur genannt, um die Grössenordnung anzugeben.5

Angesichts des schlechten Standes der Überlieferung von Heinsius' Nachlass und der Tatsache, dass Schreiben mit politisch oder theologisch gefährlichem Inhalt verbrannt und die in der Muttersprache oft nicht der Tradierung für wert befunden wurden,6 ist die Zahl von rund 1.000 erhaltenen Briefen von und an Heinsius ein immer noch erstaunliches Ergebnis. Zu den Verlusten gehört der Briefwechsel zwischen Heinsius und Opitz. Der Schlesier war stets bemüht, mit den niederländischen Humanisten in Verbindung zu treten, und mit Stolz berichtet er an Buchner, er schicke alle vierzehn Tage einen Brief an Grotius.7 Wahrscheinlich hat auch die Korrespondenz mit Heinsius einen weit grösseren Umfang gehabt, als der eine erhaltene Brief vermuten lässt. Heinsius dankt darin für ein Schreiben; Opitz selbst hatte Buchner damit beauftragt, seine Briefe nach Leiden weiterzuleiten.8 Über ein Zehntel der Korrespondenz von Heinsius betrifft deutsche Gelehrte aus allen Teilen des Landes. Manches ist im Druck erschienen in den Publikationen der Empfänger und denen Burmans zu Beginn des 18. Jahrhunderts, vieles liegt noch im Manuskript. Der nachweisbare Briefwechsel beginnt 1603 mit den Schreiben an Woverius und Putschius und endet Mitte der 40er Jahre mit denen von Frankenberg und Buchner. Zieht man die verlorenen Briefe in Betracht und erweitert die Grenzen nach beiden Seiten um wenige Jahre, dann ergibt sich der Zeitraum eines halben Jahrhunderts, in dem Heinsius mit Deutschen korrespondierte.9

Die Korrespondenz trägt alle Merkmale eines späthumanistischen Briefwechsels. Wenn auch der Umfang der Schreiben von kurzen Mitteilungen bis zu umfangreichen Traktaten reicht und sich in der Qualität des menschlichen Tones durchaus Nuancierungen feststellen lassen, so kann man dennoch einen Normaltypus herausschälen, der einem festen Aufbau folgt. ‘Wann ich einen Brief schreiben will’, so Harsdörffer, ‘muss ich erstlich wissen/ was desselben Inhalt sein soll/ und bedencken

[p. 32]

den Anfang/ das Mittel/ das End...’10 Der formalen Dreiteilung in ‘salutatio’ mit ‘captatio’, ‘narratio’ und ‘conclusio’ entspricht die inhaltliche Zweiteilung von sachlichen Mitteilungen und Adressen an den Empfänger. In jenen kommt der Gelehrte mit der polyhistorischen Haltung der Universalität zu Wort. Es ist der eigentlich informative und variierende Teil der Briefe und noch heute eine Fundgrube für die Wissenschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts. Der Themenkreis umfasst theologische und literarische Probleme, antike Autoren, wissenschaftliche Werke und die oft mühselige Prozedur ihrer Drucklegung, sowie die Erörterung der eigenen Arbeitsvorhaben. Oft wird dieser Abschnitt eingeleitet durch eine Wendung wie ‘nos in moleste opere versamur’11, oder er wurde hervorgerufen durch eine entsprechende Frage im vorigen Brief. Die Erkundigung nach den Tätigkeiten des Partners zielt fast immer auf die wissenschaftlichen, die sämtlich und überschwenglich gelobt werden. Es ist durchaus die Ausnahme, wenn Buxtorf Fil. Heinsius darauf antwortet mit Auskünften über sein persönliches und häusliches Wohl.12 Solche Themen waren zwar nicht generell von der Korrespondenz ausgeschlossen, sie gehörten aber zur privaten und familiären. Ihr unterschiedlicher Charakter zeigt sich deutlich in den Briefen von Grotius an seine Frau und Kinder und von Heinsius an seinen Sohn Nicolaus. Die Briefe, die unter Gelehrten gewechselt wurden, beschäftigten sich mit den Themen, die in der ‘respublica literaria’ von öffentlichem Interesse waren.

Im zweiten, den ersten umrahmenden Teil, wird der Empfänger angesprochen. Heinsius beginnt seine Briefe häufig mit der Feststellung, er denke oft an ihn, das gerade eingetroffene Schreiben habe ihn zu dieser Antwort bewegt. Die Anrede und alles, was über ihn gesagt wird, ist grammatikalisch auf den Superlativ normiert. Heinsius gibt sich als der Empfangende, der seinen Bewunderern vieles schulde und noch mehr verdanke. Er handelt damit nach dem Grundsatz, dass ‘amicitia (i.e. gelehrte Freundschaft) ... non est, nisi inter pares.’13 In ähnlicher Weise verbinden die Briefe an ihn oft ein Maximum an Wertschätzung mit einem Minimum an persönlicher Empfindung. Die Korrespondenz ist in einem hohen Grade stilisiert, Themenkreis und Ausdrucksformen sind auf einen beschränkten Bestand reduziert. Trunz' Charakterisierung des späthumanistischen Briefes als die ‘ursprünglichste literarische Form der gelehrten Freundschaft’14 darf also zunächst nicht im Sinne eines persönlichen Austausches missverstanden werden. Der grosse Umfang der Korrespondenz erlaubte es nur selten, den Empfänger individuell anzusprechen. So ist es zu erklären, dass der sachliche Inhalt eine breite Skala von Themen abhandelt und die persönliche Ansprache derart konstant ist, dass die Person des Empfängers austauschbar erscheint und tatsächlich ausgetauscht wird: in die gleichbleibenden Formeln setzte man nur die entsprechenden Namen ein.

Das Bild der meisten Briefe zeigt eine stilisierte, doch mit individuellen Zügen ausgestattete Handschrift. Heinsius zum Beispiel bedient sich einer

[p. 33]

der Druckschrift angenäherten Art mit nach rechts geneigtem Duktus, die nur wenige Verbindungen der Einzelbuchstaben zulässt.15 In der Regel sind die Originalbriefe der Zeit gut zu lesen; der Gesamteindruck ist der einer graphischen Harmonie - sofern es sich um die endgültige Fassung handelt. Die im Appendix genannten Briefe von Sperling und Bernegger sind Konzepte, die das Bild eines handschriftlichen Chaos bieten. Es finden sich eine Fülle von Durchstreichungen, die bessere Version wird über die alte gesetzt, der Rand ist mit Korrekturen übervölkert, und oft gibt es zu einem Ausdruck oder Satz gleich mehrere Varianten. Wohl die meisten Gelehrten haben auf diese Art an ihrem Schreibstil gefeilt und geglättet. Clarmundus berichtete darüber, wie Buchner Briefe verfasste:

Es hat der selige Buchner alle seine Briefe erst konzipieret und hernachmals wieder übersehen, korrigieret, interpolieret, emendieret, alsdann aber von neuem ganz reine abgeschrieben. In währendem Abschreiben überlegte er alles genau, und wann er etwan an ein Wort oder Redensart zweifelte, so mutierete er solches im Abschreiben.16

Das im Dienst der Rhetorik stehende Ausmerzen der ‘impurae’ und ‘suspectae loquendi formulae’17 verleiht den Briefen ein einheitliches Aussehen, und es zeigt, dass man sie als sprachliche Kunstwerke betrachtete, die nicht nur eine Person, sondern eine breite Leserschaft angingen. Darin haben die zahlreichen Veröffentlichungen der Briefe ihren Grund. Sie wurden gesammelt und ediert, um Einblick in den weiten Freundeskreis des Herausgebers zu gewähren und mit ihren ausführlichen Sach- und Personenregistern ein Kompendium der Gelehrsamkeit und des Anstandes für folgende Generationen zu sein. In den handschriftlichen Briefbänden von Vossius wird eine Unterscheidung getroffen, welche Schreiben veröffentlicht und welche ‘gesuprimeert’ werden sollten, weil es ‘brieven syn daer niets uyt te leren is.’18 So kann der Empfänger zum blossen Anlass einer allgemeinen Eörterung werden. Heinsius schrieb 1616 an Georg Richter einen zwölf Druckseiten umfassenden Brief ‘de servitute naturali’, den er später in den Band seiner Orationes aufnahm. Das bedeutete keinen Bruch der Vertraulichkeit, sondern wurde vom Empfänger freudig begrüsst.19 Es entspricht einer gebräuchlichen Praxis, dass man bei der Veröffentlichung die Daten der Briefe fortliess, um den Eindruck einer augenblicklichen Bedingtheit zu vermeiden und ihnen weitreichende Bedeutung zu verleihen.

Wenn es in den Briefen auch nicht zu einem eigentlichen Gespräch kam, so sollten die Beobachtungen nicht zu dem Schluss verleiten, sie dienten lediglich der Darstellung der eigenen Wissenschaftlichkeit und formalen Gewandtheit. Zu diesem Zweck würde das ‘literas exarare’ genügen, das ‘literas accipere’ aber nimmt eine ebenso bedeutende Stellung ein. Lipsius hatte in seiner weitverbreiteten Epistolica Institutio nach antikem Vorbild den Brief als die Hälfte eines geteilten Dialogs beschrieben, der durch die Antwort vervollständigt werden müsse.20 Einer

[p. 34]

der bedeutendsten Sendschreiben-Autoren des 17. Jahrhunderts, Martin Zeiller, spricht den Briefen neben der Unterrichtung auch die Aufgabe zu, die Freundschaft unter den Gelehrten zu bewahren. Er nennt sie ‘der Abwesenden rechte Erquickung’ und gibt später zu bedenken, ‘daß die Abwesende Freunde/ durch kein stärkeres Band/ als die Brieffe/ können erhalten werden ...’21 Ein häufig auftretender Briefschluss lautet daher nach der Art, wie ihn Heinsius für Gruter verfasste: ‘Nunc valebis meus amor, mi Grutere, et quam primum si me amas respondebis.’22 Es kam oft vor, dass Briefe Wochen und Monate unterwegs waren und häufig ihr Ziel überhaupt nicht erreichten. Entsprechend zahlreich finden sich Klagen über ausgebliebene Antworten. Man schrieb eigens zu dem Zweck, den Adressaten an sein Versäumnis zu erinnern. Das Geschäft der Korrespondenz wurde so ernst genommen, dass man umfangreiche Listen anlegte und über den Eingang genauestens Buch führte. ‘Expecto hodiéque responsum ad binas meas ...’, schreibt Richter an Heinsius, ‘quibus nunc tertias addo.’23 Zwischen diesem Brief und dem zweiten liegen acht Monate, zum ersten beträgt der Abstand über ein Jahr. Heinsius bemüht sich, ihm zu versichern: ‘neque is ego sum... ut Amicorum cum illorum absentia memoriam ex animo deponere soleam.’24 Und er führt vielfältige Pflichten als Grund für sein Schweigen an. Die wenigen Beispiele zeigen schon, wie sehr man sich bemühte, mit Gleichgesinnten in Verbindung zu treten und zu bleiben.25 Dieser Sachverhalt kann an noc