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3. Kapitel
Der Aufbau der Muttersprache

A. Elemente des unkritischen Purismus

Zu den wichtigsten Bemühungen um die Muttersprache gehören neben den Übersetzungen die theoretische Erörterung und systematische Erfassung. Beiden liegt die Überzeugung vom Wert der eigenen Sprache zugrunde, die eine Reaktion auf den Vorwurf der Italiener darstellt, das Deutsche sei ein barbarisches Idiom. Sie steht genetisch am Anfang und findet ihren direktesten Ausdruck in der Lobrede und im Lobgedicht. Eine bedeutende Quelle für das Verständnis der deutschen Dichtung und Sprache sind in erster Linie solche Gedichte, die gewöhnlich einem poetischen Werk vorangestellt werden oder es beschliessen.1 In ihnen wirbt der Autor um eine günstige Aufnahme seiner Verse und begründet das Vorgehen, in der Muttersprache zu dichten. Oder der Freundeskreis richtet Gedichte an den Verfasser, in denen das an diesen gerichtete Lob häufig auf die Sache selbst, auf die deutsche Sprache und Dichtung übergeht. Der aus Autoren und Bewidmeten sich zusammensetzende Personenkreis stellt die geistige Welt dar, aus der heraus das Werk entstand, und er bildet zugleich einen Teil des angesprochenen Publikums. In beiden Fällen haben die Gedichte den Charakter von Manifesten über die muttersprachliche Dichtung.

Wenn diese Gedichte überwiegend für biographische Argumente herangezogen und nicht nach ihrer literarischen Bedeutung befragt wurden, so hat das seinen Grund darin, dass ihre Zahl weder gross, noch ihr Inhalt abwechselungsreich ist. Aber gerade in der durchgehenden Gleichförmigkeit sind sie ein getreues Abbild der Motivation und des Standes der sprachlichen Bestrebungen im Frühbarock. Was man in den Bänden von Hudemann, Opitz und Rist antrifft, erweist sich als ein eng gespannter Themenkreis, dessen wichtigste Gedanken sich bereits in der gereimten Lobrede von Petrus Scriverius auf die Nederduytschen Poemata finden. Dass es sich dabei nicht um zufällige Übereinstimmungen, sondern um einen direkten Einfluss handelt, zeigen die deutschen Entnahmen aus Scriverius und die weite Bekanntheit seines Gedichtes.2 Die poetischen Manifeste in niederländischer und deutscher Sprache sind durch eine patriotische Haltung, durch die Abwehr der antiken und romanischen Sprachen sowie der bisherigen Sprachpflege im eigenen Land gekennzeichnet. Athen und Rom sind untergegangen und mit ihnen auch ihre Kultur und Sprache. Das Spanische, Italienische und Französi-

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sche sind lediglich Ableger des Lateinischen, das selbst wiederum nicht das Alter und die Kraft des Deutschen erreicht. Sie können daher nicht das Prädikat der Eigenständigkeit beanspruchen. Dagegen zieht man in Deutschland und den Niederlanden eine durchgehende, wenn auch zuweilen verdeckte, Verbindung von den Germanen, zu deren Lob immer wieder Tacitus herangezogen wird, bis zur Gegenwart. Zwar habe man sich auch in der Vergangenheit gegen die deutsche Sprache versündigt, aber das führte nicht zum Bruch mit der Tradition. Als Beweis gelten das gerade besungene Werk und vorbildliche poetische Leistungen anderer. In diesem Zusammenhang wird Heinsius oft als Maßstab und Autorität genannt. Seine Nederduytschen Poemata waren ein überzeugendes Beispiel für die Fähigkeiten der Muttersprache. Sie zeigten, dass man den Vergleich mit den romanischen Literaturen nicht zu scheuen brauchte, da man sie weit übertreffe und selbst den Platz von Athen und Rom erobert habe.3 Das ist auf eine knappe Formel gebracht das gedankliche Gerüst einer Selbstbestimmung, auf der das Lob der Sprache beruht. Auch hier lassen sich eine Fülle von Gemeinsamkeiten im deutschen und niederländischen Schrifttum nachweisen. Dafür sei nur ein überzeugendes Beispiel aus dem Vorspann zu den Teutschen Poemata von Opitz genannt, und zwar das mit ‘Ad linguam Germanicam’ überschriebene Gedicht:

 
O patria salve Lingua, quam suam fecit
 
Nec humilis unquam nec superba libertas,
 
Quam non subactis civibus dedit victor,
 
Nec adulteravit inquilina contages:
 
Sed casta, sed pudica, sed tui juris,
 
Germana priscae fortitudinis proles,
 
Lingua imperare nata, quae citos mentis
 
Sensus adaequas non minus brevi voce:
 
Cujus ratenta parte tot triumphatae
 
Adhuc fatentur arma Teutonum gentes
 
O patria salve lingua, et aeviter flore.4

Es liegt in der Natur solcher Gedichte, dass in ihnen die überschwenglichen Lobesbezeugungen gehäuft sind. Souveräne Eigenständigkeit, Mass, Kürze, Reinheit und Spiegel der Tapferkeit und des Verstandes zu sein - das sind die wertvollsten Epitheta zum Schmuck der Muttersprache. Insofern fügt sich das Gedicht in die Reihe der Würdigungen aus dem Heidelberger und Strassburger Freundeskreis von Opitz. Es unterscheidet sich aber durch äussere Merkmale. Als einziges wurde es anonym abgedruckt, und es ist weder an Opitz gerichtet, noch durch sein Werk hervorgerufen. Die Unabhängigkeit von jedem persönlichen und zeitlichen Band verleiht den Versen den Rang einer allgemeingültigen Aussage. Ihr Autor ist Hugo Grotius, der sie auf die Lingua Belgica des Abraham van der Mijle verfasste, der die Vorzugsstellung der niederländischen vor anderen Sprachen an Hand vergleichender Wortlisten und

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spekulativer Betrachtungen zu beweisen versuchte. Es ist ein beachtenswertes Faktum, dass einem poetischen Werk, das die deutsche Dichtungsreform einleitete, ein programmatisches Gedicht vorangestellt wurde, das ursprünglich dem Lob der holländischen Sprache galt.

Ein Manifest wird bestimmt durch die Verhältnisse, von denen es ausgeht, durch das angestrebte Ziel und die Mittel, die zu seiner Erreichung angewandt werden sollen. Wenn in deutschen Manifesten niederländische Dichter zum Maßstab werden, wenn sie selbst auf niederländische zurückgehen oder sie einfach übernehmen, dann muss man daraus folgern, dass in beiden Ländern Ausgangspunkt, Ziel und Methoden beim Aufbau der Muttersprache dieselben sind. Es war die gemeinsame Aufgabe der niederländischen und deutschen Reformer, eine Latinisierung und Romanisierung der Muttersprache abzuwehren und die Gleichwertigkeit mit oder den Vorrang vor den antiken und romanischen zu beweisen. Opitz hat sie in einer prägnanten Wendung ausgesprochen, die zu einer Grundformel des deutschen Purismus wurde:

 
Jam a Latinis, jam Gallis, Hispanis etiam ac Italis
 
mutuamur, quod domi nascitur longe elegantius.

Man hat sich immer wieder auf diesen Satz berufen, und wir können ihm einen inhaltlich identischen, im Wortlaut weitgehend übereinstimmenden Grundsatz aus der Twe-spraack an die Seite stellen. Er enthält Coornherts Klage

datmen zó ghantschelyck zonder alle nóód ghewoon was te lenen ende te lortsen van vreemde talen/ t'gheen wy zelve meer ende beter t'huys hadden...5

Die Textstellen enthalten trotz ihrer Kürze zwei fundamentale Ansichten der Sprachauffassung der Zeit. Mit ihrem Wortreichtum übertrifft die deutsche Sprache alle anderen. Sie allein hat die Fähigkeit, die Vielfalt der Dinge zu erfassen. Hieran schliesst sich die Überzeugung, dass zwischen ‘res’ und ‘verba’ eine enge Verbindung besteht. Und das gilt nicht nur für die materiellen Dinge, sondern auch für geistige Begriffe und seelische Regungen. Die Sprache kann zum Spiegel des ganzen Menschen werden. Das wird in der Twe-spraack unter Berufung auf Sokrates ausgesprochen:

... de tale is een vroedwyf der zinnen/ een tolck des herten ende een schildery der ghedachten/ die anders binnen den mensche verborghen ende onzichtbaar zyn...6

Diese Eigenschaften finden sich natürlich nicht unterschiedslos in jeder Sprache, der Verfasser meint vor allem seine niederländische. Simon Stevin zeichnet sie mit dem von Schottel übernommenen Prädikat der ‘beweeghlickheyt’ aus. Er meint damit zweierlei; einmal ihre Fähigkeit, sich allen Dingen und Gedanken anzupassen und sie angemessen auszudrücken, zum andern ist Beweglichkeit im Sinne von ‘movere’ zu verste-

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hen. Eine genau bezeichnende Sprache bewegt den Zuhörer und hat eine durchdringende Wirkung auf ihn:

want soodanigher menschen Duytsche woorden, vaten inde hoorders herten als clissen an wolle, sy sijn als den breydel des peerts, als t'roer eens schips, duer t'welck de ghemeente ghevoert wort daert den stiermann belieft.7

Stevin führt als Beweis für seine Auffassung den Freiburger Geschichts-professor Henricus Glareanus (1488-1563) an,8 der in einer Rede auf Sueton bei der Darstellung der Laster römischer Kaiser deutsche Wörter zur Hilfe nahm, da er weder die griechischen, noch die lateinischen für aussagekräftig genug hielt, die Zuhörer abzuschrecken:

Quid enim de Tiberio dicam? vlceroso in omnem inuidiam animo, quo nihil vmquam fucatius toto terrarum orbe, nihil nocentius, nihil turpius vixit. De eo sanè, quod vix Latinè dixeris, nostra linqua ornatissimè dici poterit: Ein abgfeimpter, eerloser, znichtigher boesswicht. Si licet Graeca immiscere Latinis, saepe etiam apud non intelligentes Graeca; cur non liceat inserere Celtica ac Germanicae non minus vetustae linguae verba, apud intelligenteis? Sed pudet plura de eo Diuo: dixissem libentius, von dem leidighen Tüfel. Producatur Caligula Imperator, merdosus ille pusio, Das schantlich physickguckly, pudenda Germanici Caesaris progenies, &c... Cui enim monstro potius comparabuntur helluones illi, bibones, comedones, lurcones, abdomines, ventres, brasser, schlemmer, pfuser, schlucker?9

Stevins Ausführungen zur ‘beweeghlickheyt’ des Niederländischen sind vor allem deshalb aufschlussreich, weil er seine These mit einem Beispiel belegt, das dem Lob der hochdeutschen Sprache gilt. Wenn Schottel seinerseits dasselbe Beispiel nicht von Glareanus, sondern weitgehend wörtlich von Stevin übernimmt,10 so zeigt das einen Kreislauf der Argumentation, der ein weiterer Beweis für die gemeinsamen Grundlagen und Ziele der deutschen und niederländischen Sprachbemühungen und für die Austauschbarkeit der Mittel ist. Weder bei Stevin, noch bei Schottel orientiert sich die These von der zweifachen Beweglichkeit der Muttersprache ausschliesslich am Lateinischen und am Ausdruck heftiger Gemütsbewegung. Sie gilt vielmehr für das Deutsche und Niederländische im Vergleich zu allen Sprachen und für alles zu Benennende.11

Was hier für diese beiden Sprachen in Anspruch genommen wird, das hat jeder Sprachpatriotismus für sich behauptet. Seit der Antike gebrauchte man für die Angemessenheit der Sprache, für die Übereinstimmung von ‘res’ und ‘verba’, immer wieder ein Bild, das wie kein anderes dazu geeignet ist, die Kongruenz auszudrücken, nähmlich das der menschlichen Kleidung. Die Sprache umschliesst das Ding wie die Kleidung den Körper.12 Dabei handelt es sich nicht um eine starre Norm, von der jede Abstufung ausgeschlossen wäre. In der wissenschaftlichen Literatur

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bemühte man ein ‘recht natürliches Kleid’,13 in der gestalteten Rede konnte der ‘ornatus’ zu einem prächtigen Gewand werden. So schreibt Harsdörffer im Kapitel über die ‘imitatio’:

die Römischen Redner und Poeten haben aus der Griechen alten Mänteln neue Kleider gemachet/ und sie mit guldnen und silbernen Borten verbremet...14

Wenn die Angemessenheit auch verschiedene Grade der Annäherung zuliess, so blieb doch die Forderung bestehen, dass auf jeder Ebene weder gegen den Sprachgeist, noch gegen die Verständlichkeit verstossen werden durfte, das heisst: die Beziehung zwischen ‘res’ und ‘verba’ sollte bei jeder sprachlichen Äusserung gewahrt bleiben. Ein Verstoss dagegen musste die Sprachhüter auf den Plan rufen, und folgerichtitig kehrten sie die Bildlichkeit ins negative Gegenteil. In der puristischen Literatur Deutschlands und Hollands begegnet man immer wieder der Kleidermetapher. Im 16. Jahrhundert ist es vor allem Coornhert, der beklagt,

dat vele jonge scrijvers een woort Franchoys oft Latijns verstaande sulcdanighe vreemde lappen voor een welstant ende beuallijcke chieraet opten mantel onser spraken brodden.15

Er stellt sich daher als Aufgabe, seine

moeders taal weder in haar oude ere te brenghen ende haar kleed// dat van zelfs ryckelyck was ende cierlyck/ vande onnutte lappen ende vuyle bródderyen te zuyveren...16

Ähnlich stellt Opitz den Zustand der deutschen Sprache dar. Sie sei ‘deturbata cultu non suo et deformata,’17 und Rist sieht in der Fremdwörterei Larven, die die Muttersprache zur Unkenntlichkeit vermummen.18 Derjenige, der sich fremder Hilfe bedient, statt die Schätze der eigenen zu heben, der verunziert ihr Kleid, das er zu zieren meint, und trägt zu ihrer Verarmung bei. Bettelrock und Bettelsack sind dafür die Bezeichnungen, zerlumpt und verlappt die Attribute.19 All diese Bilder haben den Zweck, die Disharmonie und Ärmlichkeit einer Sprachgestalt vor Augen zu führen, die durch die Fremdwörterei entstellt ist. War die Kleidermetapher zunächst zum Lob der Sprache bestimmt, so wird sie von den Puristen ins Negative gekehrt und in den Dienst ihrer Bestrebungen gestellt. Wenn auch der metaphorische Kampf nicht zu konkreten Ergebnissen in der Säuberung der Sprache gelangt - es sei denn das der eindringlichen Mahnung -, so bleibt das Vorhaben jedoch stets sichtbar. Wenn aber die Kleidermetapher mit ‘Teutsche Treu’ und ‘Teutschen Geist’20 in Verbindung gebracht wird, dann deutet das auf eine moralische Haltung, die sich vor allem in den 40er Jahren mit dem Kampf um die Sprache vermischte und ebenso zu seiner Radikalisierung wie zu seiner Wirkungslosigkeit beitrug. Wir meinen den Streit gegen das Alamode-Wesen. Johann Rist empfiehlt den Verächtern der Muttersprache, sie

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solten wol bedenken/ wie schimpflich es uns Teutschen von anderen Völkeren werde fürgerükket/ daß wir uns in fast jahrlicher änderung unserer Sitten/ Kleider und Geberde so gahr leichtsinnig erweisen/ und ist uns dieses alles noch viel zu wenig/ angesehen wier uns nicht scheuen oder schämen unserer so trefflichen Mutterspraache einen so thörichten Gaukler-Mantel anzuziehen/ daß sie in demselben gahr schwerlich vor die Teutsche mehr kan erkennet werden.21

Die beiden hier genannten Bereiche haben zwar in der Überfremdung durch das Ausland denselben Ursprung, sie müssen aber inhaltlich und formal getrennt werden. Der realen Beschreibung steht die Metaphorik gegenüber. Das Unwesen einer undeutschen Lebensart in Sitten, Gebärden und Kleidung wird mit dem Bild vom Gauklermantel der Sprache verglichen. Einmal handelt es sich um ein sprachliches, das andere Mal um ein moralisches Problem. Die Vermischung beider Aspekte ist charakteristisch für die Verfasser der Flugschriften, Sprachverderber und Ehrenkränze, zu denen auch Rist zu zählen ist. Sie trennen nicht zwischen moralischen und sprachlichen Irrwegen, oder mit Lesers Worten: ‘man vergisst zu unterscheiden zwischen Bräuchen, die undeutsch sind, und zwischen Worten, die fremd sind.’22 Was diese Verlagerung für den Aufbau der Sprache zur Folge hat, lässt sich unschwer erraten. An die Stelle der enthusiastischen Spekulation der Lobgedichte, die ihren Grund in der zeitgenössischen Sprachwissenschaft hat, tritt der moralisierende Eifer und die Streitsucht, der Wille zur Überzeugung wird ersetzt durch vorschnelle Polemik. Der Gewinn für die Muttersprache ist gering, und tatsächlich haben diese Schriften wenig zu ihrer Wiederherstellung beigetragen.

Soweit ich sehe, ist die Vermischung von Sprache und Moral in den Niederlanden nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Das soll nicht heissen, dass es hier das Alamode-Wesen nicht gab, man legte jedoch mehr Nachdruck auf den Aufbau der Sprache. Wie sehr sie in beiden Ländern mit Fremd- und Bastardwörtern durchsetzt war, lässt sich an einer Gattung der puristischen Literatur erkennen, die wir mit einer zeitgenössischen Bezeichnung Mengreden nennen. Schottel hat sie wie folgt beschrieben:

eine knarrende/ rauhe/ grobe/ brummende Sprache/ voll undeutliches Barbarisches Gethöne/ vermengt/ verflikt und aufgebracht von unterschiedlichen anderen Sprachen/ wie verleumderisch und unverständlich von unser Muttersprache von etzlichen öffentlich geschrieben und gehalten worden.23

In der Häufung der abwertenden Attribute klingt mit ‘verflikt’ noch einmal die Kleidermetapher an, aber die anderen gehören nicht mehr zur bildlichen Ebene. Entkleidet man sie des grimmigen Tones, dann kennzeichnen sie genau eine Art des Sprechens, in der die eigene Sprache mit

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fremden Wörtern vermischt wird. Somit erscheint die Gattung der Mengreden als das reale Gegenstück der negativen Kleidermetapher.

Die Erörterung der Mengreden nimmt breiten Raum ein. Man richtet sich gegen ihre Verwendung in gebundener, ungebundener und alltäglicher Rede, wobei die tatsächlichen Verhältnisse als Ausgangspunkt dienen. Matthys de Castelyn hatte in De const van Rhetoriken den Gebrauch von Fremdwörtern empfohlen: sie glänzten in der Rede wie die Sonne am Tag und der Mond in der Nacht.24 Die Ansicht, dass der ‘ornatus’ nicht in einer reinen, sondern gerade in einer vermengten Sprache bestehe, war in den Kreisen der Rederijker verbreitet. Hiergegen wendet sich wiederum Coornhert. Er verfasste einen ‘Rondeelbrief ... aen een vermaert brabantisch Rhetorycker, geschreven,’25 in dem er mit spitzer Feder die Mengreden geisselt. Handelt es sich hier um die gehobene Sprache in Dichtung und Prosa, so wird in der Twe-spraack die Umgangssprache in diesen Kreis gezogen. Innerhalb kurzer Zeit sei sie so sehr mit fremden Worten vermischt worden, daß es im Volk ungebräuchlich geworden sei, ausschliesslich Holländisch zu reden.26 Auch in Deutschland hat man gegen das Gebot der Reinheit verstossen. Dass im frühen 17. Jahrhundert die Situation in beiden Ländern ähnlich war, zeigt ein Zitat aus Zesens Spraach-übung. Am Problem der höfisch-galanten Modewörter schliesst sich folgender Dialog zwischen Adelmund und Deutschlieb, der die Ansicht Zesens vertritt, an:

Adelmund: Wer will aber den jungen Leuten meritien/ serviren obligiren/ etc. aus dem munde nehmen und sie zugleich verstummen machen. Pflegen es doch die Niederdeutschen und Holländer auch zu thun.
Deutschlieb: Sollen es die Holländer thun/ (wenn es redliche Holländer seyn) glaub ich nicht ... Diß alles kömmt daher/ weil sie benachbarte völker [der Franzosen sind] und grossen handel und kauffmannschafft mit einander treiben. Daher dann auch gemeiniglich der gemeine Mann/ als ungelehrte/ kauff und handels-leute/ offt in reden mehr Frantzösische wort als Holländische gebrauchen. Doch wird mann in ihrer Gelehrten Leute Büchern ein anders befinden...27

Beide Teile des Zitates sind gleichermassen aufschlussreich. In der Frage Adelmunds werden die Niederlande als Maßstab für den deutschen Sprachgebrauch angeführt, und ihre Autorität soll als Rechtfertigung für die Fremdwörterei gelten. Die Antwort nennt die Verbreitung und die Gründe der Mengreden. Sie kommen vor allem bei Ungelehrten vor28 und werden durch die Nachbarschaft zu Frankreich und den Handel ausgelöst. Zum Katalog der äusseren Gründe gehören weiterhin die Herrschaft fremder Fürsten, der Einfluss der Höfe, die oft berufenen negativen Folgen von Sprachenstudien und Reisen. Lässt sich in diesen Punkten weitgehende Übereinstimmung feststellen, so macht sich in Deutschalnd eine Tendenz stärker bemerkbar, die den Grund der Meng-

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reden in den verwerflichen Absichten des Sprechenden erblickt. Ehrsucht und Eitelkeit, Vortäuschung von Gelehrsamkeit und Sprachenkenntnis sind die am häufigsten genannten Vorwürfe.29 Es handelt sich hier um eine ähnliche Vermischung von Sprache und Moral, die bereits bei der Kleidermetapher festgestellt wurde. Dieser Unterschied ändert jedoch nichts daran, dass die Fremdwörterei mit demselben Mittel, den literarischen Mengreden, verspottet wurde. Man beruft sich auf das Beispiel Juvenals, der griechische Wörter in seine Gedichte aufnahm, um diejenigen ‘auß zue lachen/ die sich in jhren buhlereyen mit griechischen wörtern behelffen.’30 Die gleiche Absicht liegt all jenen literarischen Mengreden zugrunde, die im deutschen und niederländischen Schrifttum des Purismus in grosser Zahl vorkommen. Einige Merkmale sollen an einem Beispiel erläutert werden:

 
Mein Hertz voltirt bereits der Geist geht in galop/
 
Die Kehle maintenirt, stringirt des Athems Tropp.
 
Mich wolt Amoris Pfeil Lampredenweis lardiren/
 
Vnd meine libertet gar in disordre füren.
 
Daher ich resolut zu geben das valet.
 
Das macht das tractament, das mir von euch entsteht.31

Eine strenge Regel für die Setzung der fremden Wörter lässt sich nicht angeben, jedoch ist die Neigung bemerkbar, sie an metrisch auffälligen Stellen unterzubringen. Sie treten bevorzugt vor und nach der Zäsur auf, nur selten stehen sie am Anfang des Verses, aber fast immer im Reim. Die Menggedichte sind mit den makkaronischen verwandt, die nach Harsdörffer nur zu ‘Schertzgedichten’ zu gebrauchen sind und dann ‘am allerkünstlichsten’ klingen, ‘wann das Latein mit dem Teutschen reimt.’32 Ähnlich sind die metrische Verteilung der Fremdwörter und ihre Vereinigung mit deutschen in einem Reimpaar zu beurteilen. Sie dienen der Erzeugung von Komik, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern um die Fremdwörterei durch die Komik zu entlarven.33 Das verbindet die literarischen Mengreden mit der Satire,

welche die Fehler und Laster der Menschen höflich durchziehet und mitten unter dem Lachen und Schertzen nützliche Anweisung zur Tugend thut.34

Diese Bestimmung trifft für die niederländischen und deutschen Mengreden gemeinsam zu. Sie stehen im Dienst der Didaktik und offenbaren so deutlich wie kaum ein anderes Mittel des Purismus, wogegen man sich wandte: griechische und lateinische Wörter wird man nur vereinzelt in den Mengreden antreffen; fast immer richtet sich der satirische Spott gegen die romanischen Sprachen.

Mit dem Lob der Sprache, der Kleidermetapher und den Mengreden wurden drei Erscheinungsformen des Purismus vorgestellt, die in Holland und Deutschland gleich stark verbreitet sind. Sie werden von der spekulativen Sprachforschung des 16. Jahrhunderts mit ihren oft seltsa-

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men Beweisführungen und fantastischen Ergebnissen getragen.35 Die Gemeinsamkeiten sind zahlreich und bedeutsam. Die Haltung der Autoren ist apologetisch, der Ton häufig polemisch und radikal. Die Verteidigung weist den Führungsanspruch anderer Sprachen und die Abwertung der eigenen zurück; die Polemik richtet sich gegen die Zustände im eigenen Land. Das Lob der Muttersprache kann zwischen dem Deutschen und Niederländischen ausgetauscht werden, wie die Texte von Grotius und Glareanus gezeigt haben. Kleidermetapher und Mengreden sind nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt identisch. Sie wenden sich in erster Linie gegen die romanischen und dann erst gegen die antiken Sprachen. An diesen drei Elementen zeigt sich deutlich, dass deutsche und niederländische Sprachreformer am gleichen Ausgangspunkt standen und dieselbe Problem- und Sachlage zu bewältigen hatten. Aber weder können Metaphorik und Satire die Mißstände beseitigen, die sie anprangern, noch kann das Lob die Sprache herbeiführen, die es verherrlicht. Es gibt in der Literatur zum Purismus den Gedanken der Entwicklung, der aus der chronologisch reihenden, statt der systematischen Betrachtungsweise entspringt. Noch kürzlich hat man Buchners Sprachpatriotismus einen ‘puristischen Akzent’ zugesprochen, ‘der bestimmte Richtungen des Spätbarock’ kennzeichne.36 Aber Buchners Ausführungen zur Majestät der deutschen Sprache und zur Vermeidung der Fremdwörterei weisen sowohl in die Zukunft des Spätbarock wie in die Vergangenheit des Frühbarock.37 Der hier angesprochene und am besten als unkritisch bezeichnete Purismus ist von auffälliger Konstanz. Er verfügt über eine bestimmte Anzahl von Argumenten und Verfahrensweisen, die sich während des gesamten 17. Jahrhunderts finden und die keine Entwicklung erkennen lassen.38 Der unkritische Purismus stellt allerdings nur eine Ebene der Bemühungen um die Sprache dar. Zu unterscheiden ist die systematische Spracharbeit, der es um positive Ergebnisse beim Aufbau der Muttersprache geht. Sie lässt in der Tat Grade der Entwicklung erkennen. Aber nicht nur ihr Gegenstand ist verschieden, sondern auch die Haltung der Autoren.

Die ekkelsucht und ausmusterey der jenigen/ so kein Teutsch/ als was jhren Ohren nur Teutsch klinget/ zulassen/ müssen bedenken/ daß ein anders sey ein Carmen oder eine Oration etwa verfertigen/ und ein anders von der gantzen Sprache Haubtsachlich etwas schreiben.39

Damit wird zwischen einem radikalen oder unkritischen Purismus in Dichtung und gestalteter Rede und einem gemässigten in der Spracharbeit unterschieden. Letzterer tritt in der Regel dann auf, wenn sich der Reformeifer konkreten Fragen zuwendet, die praktikabele Lösungen erfordern. Das Beispiel Zesens lehrt, dass ein starkes Eingreifen des unkritischen Purismus in die Spracharbeit abgelehnt wurde. Im Idealfall wirken beide Arten in einem ansgewogenen Verhältnis zusammen. Vergleicht man die Situation in Deutschland und Holland, dann zeigt sich,

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dass hier die Einheit weiter gefördert ist, während dort der unkritische Purismus in der Zeit des Frühbarock vorherrscht. Erst Schottel hat beide in dem Werk von der Teutschen HaubtSprache vereinigt.

B. Grundlagen zur deutsch-niederländischen Spracharbeit

Es stellt sich nun die Aufgabe, die Gemeinsamkeiten, die im unkritischen Purismus zutage traten, näher zu begründen und die Frage zu stellen, ob sie auch für das ganze Gebiet der Spracharbeit aufrecht erhalten werden können. Zunächst sei im Anschluss an Harsdörffer dargelegt, was unter dem Begriff der Spracharbeit zu verstehen ist. In einem Programm von sechs Punkten fordert er die Reinheit in Rede und Schrift, den Gebrauch der besten Aussprache und der angemessensten Rechtschreibung, ein unzweifelhaftes System der grammatischen und prosodischen Regeln, ein Wörterbuch mit allen Wurzelwörtern, Komposita, Ableitungen und Redensarten, die Sammlung aller Kunstwörter und eine ausgedehnte Übersetzertätigkeit, damit man sich auch ohne die Kenntnis fremder Sprachen bilden könne.1 Der Unterschied dieser nüchternen und ganz auf die Praxis bezogenen Forderungen zum unkritischen Purismus ist offensichtlich. Man darf allerdings nicht übersehen, dass beide denselben Ausgangspunkt haben und dasselbe Ziel verfolgen, allerdings die Verfahrensweisen haben sich geändert. Nach der Auffassung dieses Programms wird die Fremdwörterei vermieden und der Aufbau der Muttersprache gefördert, wenn diese geordnet und systematisiert wird. Die Grammatik soll Anleitungen für den richtigen Gebrauch geben, aber sie wird nicht nur als Lehrbuch verstanden, sondern auch als die Wissenschaft, die die gottgegebenen Regeln der Sprache aufdeckt. Erst wenn sie ganz erforscht und erkannt ist, kann man ihr gerecht werden. Die Regeln sollen nicht von aussen aufgetragen, sondern aus ihr erschlossen werden. Wie alle Schöpfungen in der Welt hat jede Sprache ihre jeweilige, eingeborene Gesetzmässigkeit.2 Eine solche, die sich nicht in Regeln fassen lässt, gehört zu den barbarischen.3 Somit erscheint die Systematisierung der Muttersprache als Beweis ihrer Würde, und dieser musste umso überzeugender wirken, wenn er in ihr selbst ausgeführt wurde.

Was Harsdörffer in seinem Programm fordert, das war in den Niederlanden schon in Angriff genommen und zu einem grossen Teil verwirklicht. Ihr Vorsprung ist bei ihm und seinen Zeitgenossen oft berufen. So schreibt Christoph Arnold, der Lerian der Pegnesischen Hirtengesellschaft:

Die Niderländer sind noch heut zu Tag mit emsigen Nachsinnen bemühet/ jhre Sprache/ bei aller Welt-les- und lobwürdig zu machen.4

Diese Feststellung lässt sich mit Zitaten aus dem 17. Jahrhundert belegen und gilt auch nur für dieses. Es soll nicht behauptet werden, dass die Spracharbeit in Deutschland völlig fehlte. Wendet man den Blick zurück ins 16. Jahrhundert, so wird man eine umgekehrte Situation vorfinden.

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In diesem Zeitraum sind es gerade die Niederländer, die mit Bewunderung die Leistungen der deutschen Sprachforscher anführen. Auch hier mögen einige Belege genügen. Coornhert, der als Verbannter mehrere Jahre in Deutschland verbrachte, lobt die ‘hoochduytschen’, die sich ‘naersticheyt, moeyte, arbeydt ende coste’ gemacht hätten,5 ihre Muttersprache zu verbessern. Später spricht er die Hoffnung aus, dass das Niederländische

in weynich Jaren (metter hulpen Godts) soo verre komen sal; als nu die Hoogduytsche gheclommen sijn.6

Coornhert meint sicherlich die frühen grammatischen Leistungen von Ickelsamer, Frangk und anderen. Eine stattliche Anzahl von Lehrbüchern, Orthographien und Leseschulen für den deutschen Unterricht erschien während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie sind fast ausnahmslos in deutscher Sprache abgefasst. Aber nicht nur für diesen Zeitraum beobachtete man in den Niederlanden die deutschen Spracharbeiten mit Aufmerksamkeit. Der Hinweis in Spiegels Twe-spraack, dass die Hochdeutschen ‘naast korte jaren’ Grammatiken ans Licht gebracht hätten,7 zielt wahrscheinlich auf die Werke von Albertus, Clajus und Oelinger. Es handelt sich um gelehrte Bücher für Gelehrte lateinisch geschrieben. Sie verfolgen die Absicht, dem Ausländer das Studium des Deutschen zu erleichten.8 In keinem Fall wenden sie sich an die ‘ungelehrten Layen’,9 die noch Frangk als sein Publikum ansprechen wollte. Aber genau dies ist das Ziel der niederländischen Sprachbücher, die etwa um dieselbe Zeit in holländisch erschienen. Wie gelehrte lateinische Werke zu beurteilen sind, das lässt sich einer Bewertung der Twespraack entnehmen. Becanus und Erasmus hätten sich um die Sprache verdient gemacht, beide aber versäumten es, ihr Wissen den Landsleuten in der angeborenen Sprache mitzuteilen.10 Die frühen Versuche, für die Ickelsamer stellvertretend stehen möge, haben sich in Deutschland nicht durchgesetzt. Sie wurden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vom Humanismus abgelöst.11 Vom Gesichtspunkt der Spracharbeit - wie sie oben beschrieben wurde - stellt das einen Rückschlag dar, der sich nachteilig auf das Frühbarock auswirkte. Sie haben keine wesentliche Beachtung gefunden, und es hat den Anschein, dass die geringe Wirkung einen zusätzlichen Grund in der Verachtung hat, mit der man seit Opitz auf die Dichtung des 16. Jahrhunderts blickte.

An der Feststellung einer Diskontinuität in der Spracharbeit ändert sich auch nichts durch vereinzelte Versuche, die während des frühen 17. Jahrhunderts in Deutschland unternommen wurden. Es handelt sich meist um aus der Praxis entsprungene Reformbestrebungen des mutter-sprachlichen Unterrichtes,12 die vor allem von Ratke vorangetrieben wurden. Aber seine Ausstrahlung reichte nicht weit; er hat einiges in Druck gegeben und vieles im Manuskript hinterlassen. Es verdient jedoch Beachtung, dass er die Anregungen für sein weitgespanntes Programm während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Holland sammelte

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(1603-1610).13 Es ist gerade jene Zeit, in der die niederländische Sprach-arbeit intensiv betrieben wurde. Die Entwicklung nimmt hier einen entgegengesetzten Verlauf zu der in Deutschland. Sie setzt um die Mitte des 16. Jahrhunderts zögernd ein, wobei deutsche Werke als Vorbilder dienen, und sie erreicht in dem Zeitraum 1581-1635 einen Höhepunkt, der sich in einer Fülle muttersprachlicher Publikationen niederschlägt.14 Eine ununterbrochene Linie führt vom 16. ins 17. Jahrhundert, und die-ser Kontinuität verdankt die niederländische Spracharbeit ihren hohen Stand und die grosse Wirkung. Als man in Deutschland um die Mitte des 17. Jahrhunderts begann, die Sprache zu säubem und aufzubauen, da nahm man nicht nur die eigene Tradition wieder auf, sondern orientierte sich auch in starkem Masse an den Errungenschaften der Niederländer. Eine vergleichende Betrachtung wird daher die zeitlichen Grenzen des Frühbarock nach beiden Seiten ausdehnen müssen. Und das erweist sich auch deshalb als sinnvoll, weil die Bedeutung der Werke von Simon Stevin, die von 1586 an erschienen, bisher nicht gewürdigt worden ist.15

Der gegenseitige Austausch in der Geschichte der Spracharbeit wird nur dann verständlich, wenn man sich die Auffassung der Entwicklung der Muttersprache und das Verständnis von der Beziehung der Dialekte untereinander vergegenwärtigt. Jedem, der sich mit den zeitgenössischen Äusserungen über die deutsche Sprache und ihre Mundarten beschäftigt, begegnet die terminologische Unbestimmtheit. Zwar gibt es eindeutige Bezeichnungen, wie niederländisch und hochdeutsch oder ‘overlandsch’,16 in ihrer Mehrzahl aber sind sie schwer zu definieren. ‘Teutsch’ oder ‘duytsch’ können sich auf das Hochdeutsche oder Niederländische beziehen, aber auch den ganzen Komplex der germanischen Sprachen umfassen. Die Namen ‘Lingua Teutonica’, ‘Lingua Celtica’, ‘Lingua Belgica’, ‘Lingua Cimbrica’ und ‘Lingua Germanica’ - sie alle kommen in van der Mijles Werk vor - sind ebenso mehrdeutig und können für die ganze Sprachenfamilie stehen wie für ihre einzelnen Glieder.17 In der mangelnden Unterscheidung zeigt sich nicht nur ein Unvermögen, sondern auch die Ansicht von einer grundsätzlichen Harmonie der germanischen Sprachen, die dem Dialektbegriff zugrunde liegt.18 Dabei geht man empirisch von den regionalen Unterschieden aus:

Tis yder spraeck ghemeen datse in den eenen oirt des landts wat anders uytghesproken wort als op den anderen. By voorbeelt, daer de Neerlanders segghen Dat, Wat, Vat, d'Ouerlanders segghen Das, Was, Vas ...19

Nicht immer sind die Gemeinsamkeiten zweier Dialekte so leicht zu erkennen wie in diesem Beispiel, aber selbst dann, wenn sie kaum noch Ähnlichkeiten miteinander haben und unverständlich erscheinen, entspringen sie demselben Ursprung.20 In dem verwirrenden Durcheinander der Stellungnahmen soll Schottels Stammbaum der Dialekte als Leitfaden dienen.21 Er ist eines jener keilförmigen Fächerschemata, die vielen sprachlichen Darstellungen des 17. Jahrhunderts zugrunde liegen

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und die Ursprung und Ergebnis leicht erkennen lassen. Als Grund setzt Schottel die ‘Lingua Celtica’ oder ‘alte Teutsche Spra[che]’ an, die sich nach den Mundarten in die Hauptgruppen ‘Remotiores’ oder ‘Abstimmige’ und ‘propiores’ oder ‘zustimmige’ aufteilt. Zur ersten zählt er neben den nordischen Sprachen das Englische, Schottische und Altgotische. Sie werden ‘abstimmig’ genannt, weil sie sich durch ‘unkentlich Machung der Teutschen und Einmengung der frömden Wörter’ vom gemeinsamen Grund so weit entfernt haben, dass sie wohl noch in der theoretischen Überlegung, aber nicht mehr in der Praxis zur deutschen Sprache gehören. Anders verhält es sich mit den ‘zustimmigen’ Mundarten, die in hoch- und niederdeutsche aufgeteilt werden. Beide stehen gleichberechtigt nebeneinander; keine ist der Dialekt der anderen, sondern sie haben wiederum ihre eigenen Mundarten.22 Die Stellung zu der Fülle von Idiomen ist keineswegs eindeutig. Als verlust bucht man den Abstieg von der Grundsprache, der Lingua Celtica, der umso mehr Verästelungen hervorbrachte, je weiter sich der Stammbaum verzweigte. Auf der anderen Seite war gerade die Vielfalt der Dialekte und Ausdrucks-möglichkeiten ein Beweis des sprachlichen Reichtums. Der Gegensatz wurde gelöst, indem man grössere landschaftliche Mundarten gelten liess, die Zersplitterung von Ort zu Ort jedoch ablehnte, so dass man zu einer übersichtlichen und für die sprachlichen Überlegungen sinnvollen Einteilung der Mundarten gelangte. Für den praktischen Gebrauch war selbst diese Reduktion noch zu vielfältig. Schottel verweist in diesem Zusammenhang auf das Griechische:

Es wird an der Grichschen Sprache als etwas sonderliches und sprachreiches ... gelobet/ daß die beredten Griechen eine solche überflüssige Menge der Wörter oder Endungen der Wörter darin aufbringen und ausüben können/ daß auch vier unterschiedene Mundarten/ als die Attische/ Dorische/ Eolische und Ionische/ daheraus entstanden seyn/ gleichsam vier Sprachen aus einer ...23

Das ist ein im deutschen und niederländischen Schrifttum häufig bemühtes Argument. Wo immer die Rede von den Dialekten ist, da verweist man auf die griechischen Zustände, um sie auf die eigene Sprache zu übertragen. Sie dienen auch als Rechtfertigung für den Ausgleich zwischen den Mundarten. Ebenso wie die Griechen der attischen Sprache den Preis zuerkannten, so suchte man nach dem besten Dialekt, der als Hochsprache alle anderen vertreten könnte. Stevin hielt das Nordholländische dafür geeignet, dem Meissnischen wurde derselbe Platz innerhalb des Hochdeutschen zugewiesen.24 Es war das Ziel des Purismus in Deutschland und den Niederlanden, die jeweilige Hochsprache aufzubauen und gegen fremden Einfluss zu schützen.

Mochten beide Sprachen auch verschieden klingen und bei einer oberflächlichen Kenntnis vor allem die Unterschiede auffallen, so erschlossen sich einem genaueren Studium stets mehr Gemeinsamkeiten:

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De neder-duytsche Tale wort in Gront-woorden Buygingen ende Taelspreuken met de Hoog-duytsche hoe scherper aengemerkt/ hoe gelijker bevonden.25

Das soll nicht heissen, dass die Unterschiede aufgehoben werden sollten, man betonte im Gegenteil die Eigenständigkeit.26 Man war sich aber der engen Verwandtschaft des Hochdeutschen und Niederländischen so sehr bewusst, dass zahlreiche Erörterungen angestellt wurden, ob und in welchem Grade die andere Sprache zum Aufbau der eigenen herangezogen werden dürfe. Die Möglichkeit bot sich um so eher an, als man gemeinsam den romanischen Einfluss abwehren und verworfenes Wortmaterial ersetzen musste. Die Frage fällt in den Problemkreis des Pan-Germanismus, zu dem nicht nur die Mundarten, sondern auch die älteren Sprachstufen gehören. Eine einheitliche Regel lässt sich an Hand der zeitgenössischen Äusserungen nicht aufstellen, und schon gar keine, die für beide Sprachen verbindlich wäre. Man erkennt jedoch gewisse Tendenzen, die zunächst an den Vorschriften für die Verwendung alter Wörter gezeigt werden sollen.

Die Frage, inwieweit fremde Wörter durch alte der eigenen Sprache zu ersetzen seien, bildete ein intensiv erörtertes Thema der Puristen,27 das durch das neuerwachte Interesse an der älteren deuschen Literatur gefördert wurde. Buchners lapidare Anweisung, man solle sich der ‘itziger Zeit gebräuchlichen Wörter/ und Arten im Reden’ bedienen,28 ist in der Folgezeit verschärft und von ihm selbst und anderen eingeschränkt worden. Rist stellt die Archaismen den Fremdwörtern gleich, wenn er schreibt:

... denn was kann müheseliger sein/ als daß man allerhand alte verlegene Wöhrter und Reden/ bey welchen doch gahr keine teutsche Reinligkeit zu finden/ hervor suchet ...29

Er lehnt sie strikt ab, und den Dichtern, die sie gebrauchen, unterstellt er ähnliche Motive wie den Sprachverderbern des Alamode-Wesens. Im Grunde handle es sich um unverständliche Vokabeln, die die Verse in eine leere Erlesenheit kleideten. Rists Standpunkt wird zwar von den meisten Poetikern geteilt, aber selten mit dieser Schärfe vertreten. Man rich-tete sich nach dem üblichen Sprachgebrauch, ohne ihn als den alleinigen Maßstab anzuerkennen. Titz fordert, man müsse sich

solcher Worte/ die gar zu alt vnd verlegen/ oder sonst bey vns nicht bräuchlich sind/ gäntzlich enthalten ... Jedoch/ was die alten Worte anlanget/ kan es vielleicht noch wohl geduldet werden/ wenn man bedachtsamlich vnd an seinem orte etwan eines miteinmischet.30

Ähnliche Vorschriften finden sich bei Buchner und Tscherning. Sie orientieren sich alle an den Gedichten von Opitz, in denen einige alte

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Wörter vorkommen. Daraus leitet man einen sparsamen Gebrauch ab, denn sie können durch ihre fremde Gestalt der Rede ‘Ansehen’ und ‘Klang’ verleihen.31 Es handelt sich also um ein Mittel, das ästhetische Wirkungen erzielen soll, und nicht um ein puristisches zur Bereicherung des Wortschatzes.

Eine Ausnahme wird für die alten Wörter der Jurisprudenz gemacht. Sie können mit mehr Freiheit verwendet werden, wenn sie bei den Gerichten noch üblich sind.32 Um welche Wörter es sich handelt, kann man Tschernings kurzer Aufzählung entnehmen: Fron, Fehde, Gift und Gaben, frank und frei.33 Sie sind zwar alten Ursprungs, brauchten aber nicht der Vergessenheit entrissen zu werden, da sie ihren Platz im Sprachbewusstsein behauptet haben und für jedermann verständlich waren. Auch hier findet keine echte Neubelebung im Sinne des Purismus statt. Die Verwendung alter Wörter erweist sich somit als ein selten befolgter Weg zur Vermeidung der Fremdwörterei. Was als Mittel des Purismus diskutiert wird, wird mit puristischen Argumenten zurückgewiesen. Man betrachtete es nicht als Verbesserung, sondern als Austausch der Fehler.

Der empörte Ton in Rists Zitat lässt auf eine persönliche Polemik schliessen. Es ist nicht abwegig, sie auf Zesen zu beziehen, der nachdrücklich den Gebrauch alter Wörter vertrat und sie auch - z.B. in der Romanübersetzung ‘Ibrahim Bassa’ von 1645 - anwandte.34 Schon einige Jahre früher hatte er das puristische Prinzip an einem holländischen Werk erkannt und klar ausgesprochen:

M. Kornelius Liens ... verwirfft die ausländischen wörter gar/ und braucht an derer statt gute alte Holländische; ja die auch sonst lange zeit hero/ bey seinen Landsleuten verschwiegen worden/ hatt er mit sonderlichem fleiß aus der vergeßligkeit und endlichem Verderben gerettet ...35

Freilich muss auch Zesen bei allem Lob gestehen, dass Liens' Verse ‘offt zimlich hart gehen.’36 Die Unbekanntheit des Wortmaterials und die metrische Unsicherheit waren wohl die entscheidenden Hindernisse gegen die Verwendung alter Wörter in gebundener Rede. Anders stellte sich die Aufgabe in der Prosa. In einem Brief von 1631 schreibt Grotius, er habe sich in seiner Inleiding tot de Hollandsche rechtsgeleertheyd (1631) bemüht, die Muttersprache mit dem Nachweis zu ehren, dass sie sich auch zur Beschreibung der Rechtswissenschaft eigne. Zu diesem Zweck habe er lateinische Bezeichnungen durch einheimische aus alten Urkunden und Verordnungen ersetzt. Grotius war sich natürlich bewusst, dass sein Werk dadurch nicht dem Rechtsgelehrten, sondern dem Sprachforscher zugänglich war. Er hat das Problem der Verständlichkeit zu lösen versucht, indem er die alten Termini auf dem Rand in die üblichen übersetzte:

... tot nader geryf van degeenen, die aan latijnsche ofte basterd
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Duitsche woorden zijn gewent, heb ik op den kant de Duitsche worden vertaald.37

Andere Autoren sind ähnlich vorgegangen und haben ihren Werken Wortlisten beigefügt. Das Verfahren jedoch ist langwierig. Abfassung und Lektüre verlangen vom Autor und Leser eine umständliche Proze-dur des Suchens und Vergleichens. Der Nutzen der Übersetzungen liegt zunächst in der Verständnishilfe für ein spezielles Werk. Er konnte erst dann erweitert werden, nachdem der neue Wortschatz in alphabetische Ordnung gebracht worden war. Grotius hat zwar die Grundlage für eine Fachsprache errichtet. Erst drei Jahrzehnte später stellte A. Koerbagh u.a. auch dieses Material zu einem juristischen Wörterbuch zusammen.38

In der Unverständlichkeit liegt einer der stärksten Widerstände gegen den Gebrauch alter Wörter. Harsdörffer stellt zwar die Frage, ‘warüm solt ich nicht sagen können Hürten/ luppen/ göcheln’, er muss aber so-fort hinzufügen, dass dies ‘stossen/ verzaubern/ Narrenthand treiben’ bedeute.39 Rompler von Löwenhalt ist einer der wenigen konsequenten Benutzer von Archaismen:

.... weil ich in lesung alter Teütscher sachen oft so ausbündigwol-bedeitliche wörter find ... trag ich keinen schäuen/ underweilen eines herfür zusuchen und zugebrauchen ...40

Das klingt wie eine Entschuldigung für ein ungewöhnliches Vorgehen. Rompler beugt dem Vorwurf der ‘obscuritas’ mit Erklärungen von ‘Bar’, ‘wat’, ‘Wiganden’, ‘Räcken’ und ‘Vogt’ vor. Aber auch ‘Minne’ und ‘Mär’ müssen gerechtfertigt werden. Jenes habe allzeit Liebe bedeutet und sei ‘bei den Nider-teütschen ... noch stehts in gebrauch’, dieses habe einen Bedeutungswandel von ‘geschichterzählung oder verkündigung’ zu ‘falsch ertichteten dingen’ durchgemacht. Er selbst wolle es im ‘rechten [d.h. alten] gebrauch’ anwenden. Das zeigt deutlich, in welchem Masse die alten Wörter in Vergessenheit geraten waren. Sie sind in vielen Fällen ohne etymologische Kenntnisse nicht zu verstehen. Man könnte sie mit den ‘Hard Words’ der englischen Sprache vergleichen. Im Unterschied zu den meisten Komposita sind sie dissoziiert, da sie sich nicht auf die sichtbare Verwandtschaft zu anderen Worten stützen.41

Die Archaismen erweisen sich als eine wenig taugliche und nur mit Mühe zu praktizierende Methode beim Aufbau der Muttersprache. Ein Vergleich lehrt, dass dieser Weg im niederländischen Schrifttum häufiger beschritten wurde. Der Unterschied ist gering, aber er deutet in dieselbe Richtung, die sich bei der Einstellung zu den Mundarten zeigt. Auch bei diesem Problem behauptet sich in Deutschland ein konsequenterer Purismus. Er hat seine Richtschnur an der Hochsprache, die nach Luther, den Kanzleien und dem Meissnischen gebildet werden soll, deren genaue Bestimmung aber unklar bleibt.42 Titz setzt als Maßstab den Gebrauch

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der Leute an, ‘die rein reden’,43 und Hannman nennt sie die ‘gemeine Sprache’ die ‘an keinem und doch fast allen Orten zufinden’ sei. Gemeint ist die Sprache, die die ‘viri vel literati vel sapientes & cultores’ verwenden.44 In auffallender Einmütigkeit folgt man Opitz' Vorschrift, ‘derer örter sprache/ wo falsch geredet wird’ zu meiden.45 Um ein reines Hochdeutsch zu erhalten, ‘muß man sich der Vnhochdeutschen Dialecten ... gäntzlich enthalten.’46 Wenn die Praxis mit der starren Norm nicht übereinstimmt, und schon die Zeitgenossen in Opitz' Werk mundartliche Wörter feststellten,47 dann ist das keine Änderung der ablehnenden Haltung, sondern erhellt vielmehr den Zwiespalt der Sprachreiniger. Sie konnten auf den Wortreichtum der Mundarten nicht verzichten, mussten das Verbot jedoch so eng wie möglich fassen, da sie Unerfahrenen nicht zutrauten, zwischen behutsamer Entnahme und wahlloser Übernahme zu unterscheiden.

Obwohl es nicht ausdrücklich genannt wird, fällt auch das Niederländische unter dieses Verdikt. Wird es dennoch mit dem Deutschen in einem Text vermischt, so sind dafür keine puristischen Motive ausschlaggebend. In anderem Zusammenhang wurde bereits das Beispiel von Crombein angeführt, hier soll ein Gedicht von Hannman den Sachverhalt erläutern:

 
Ich habe keine Sorg'/ ich darff nicht lange fragen:
 
Hoort u myn liever Frind, ryd van dem tag' een Wagen.
 
Ich darff auch warten nicht/ biß jener steht am Ort/
 
Vnd rufft mit vollem Mund/ vnd schreit: Harlinger foort.48

Hannman ist als Nachfolger von Opitz ein Verfechter der Hochsprache in der Dichtung. Seine Mischverse sind nicht unter dem Gesichtspunkt der Spracharbeit zu beurteilen und schon gar nicht als polemische Mengreden, die in dieser Form nicht vorkommen. Hannman gibt die Lösung selbst, indem er schreibt, dass er eine Mundart dann zulasse, wenn sie ‘die Sache besser darstellet’. So habe er keine Bedenken getragen, in einem deutschen Gedicht niederländische Verse einzumischen:

wenn ich Hirten oder Bauern in einem Gedichte einführe/ ist es am besten/ daß ich sie auf jhre Baurische weise reden lasse.49

Die fremde Sprache steht hier für eine einfache und kunstlose Ausdrucksweise. Dahinter verbirgt sich die Auffassung, dass das Hochdeutsche die vornehmste Sprache innerhalb des Germanischen ist. Sie zeigt sich auch beim satirischen Gebrauch des Niederländischen. In Scherffers Gedicht ‘Waer blijft dat van’ wird die Adelssucht gegeisselt,50 und in Sacers Reime dich/ oder ich fresse dich werden gelehrte lateinische Sentenzen mit sprichwörtlich-banalen auf holländisch kontrastiert.51 Hier sind keine puristischen Motive im Spiel. Ähnlich dem erlaubten, sparsamen Gebrauch der alten Wörter dient das Niederländische der Erzeugung poetischer Wirkungen.

Zesen, der oft als der radikalste Purist angesehen wird, steht dem

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Pan-Germanismus positiv gegenüber. Nicht nur, dass er den vorsichtigen Gebrauch niederländischer Wörter in der deutschen Dichtung empfiehlt,52 sondern vor allem mit seinen Eindeutschungen aus dem Niederländischen. Mag er dabei oft zu sorglos vorgegangen sein, indem er die fremde Wortgestalt einfach beibehielt,53 die grösste Anzahl jedoch zeigt das Bestreben, sie grammatikalisch und orthographisch dem Deutschen anzupassen. Die Eindeutschungen sind eine Spielart des Pan-Germanismus, die gerade bei so verwandten Sprachen mühelos zu einer Bereicherung des Wortschatzes führen konnte. Er verdankt dieses Verfahren seiner Kenntnis der niederländischen Literatur:

... ich vermerke/ das ihre [niederländischen] Poeten (welches sonderlich der Hoochgelahrte J. Katz gar meisterlich kan) aus der Hoochdeutschen [Sprache] ... zwar Wörter entlehnen/ die sie hernach auff ihre art brechen und schreiben.54

Damit hat er seine Vorbilder genannt und gleichzeitig auch die Situation in den Niederlanden gekennzeichnet. Man stand hier dem Pan-Germanismus offener gegenüber als in Deutschland. Hans de Laet stellt die Ähnlichkeit beider Sprachen fest und leitet daraus die Konsequenz ab, einen Mangel in der eigenen durch Worte der hochdeutschen zu beheben, und van Hout empfiehlt den Dichtern, sie sollten zur Bereicherung der Muttersprache von den ‘Brüdern am Rhein’ entleihen.55 Das sind nur zwei Stimmen aus der Schar der Befürworter des Pan-Germanismus, die sich von der Mitte des 16. bis weit ins 17. Jahrhundert zu Wort meldeten. Man denkt nicht nur an die Dichtung, sondern auch an die Spracharbeit, und es ist daher nicht verwunderlich, dass das Problem in Wörterbüchern, Grammatiken und Orthographien behandelt wird. Eine der bedeutendsten Stellungnahmen findet sich in Spiegels Twe-spraack . Als Voraussetzung steht die bereits erwähnte Harmonie der germanischen Sprachen, die schon bei Becanus ausgesprochen wurde:

Ick spreeck (met Becanus/) int ghemeen van de duytse taal/ die zelve voor een taal houdende/ dóch dat ze zommighe wat te hóógh/ andere wat te laegh spreken ...56

An die Feststellung der Einheit kann Spiegel folgerichtig das pangermanische Prinzip anschliessen. Zesens Begründung, die Niederländer entlehnten aus dem Hochdeutschen, ‘weil selbe die Hauptsprache’ sei,57 erweist sich dabei als eine durch nationalen Sprachenthusiasmus entstellte Behauptung. Der Pan-Germanismus umspannt alle germanischen Sprachen, wenn auch das Deutsche und Niederländische oft im Vordergrund stehen.

Int verrycken onzes taals/ zoud ick verstaan datmen uyt elcke verscheyden Duytsche spraack/ ia uyt het Deens, Vries ende Enghels, de eyghentlyckste wóórden behóórde te zoecken/ van de welcke de ene deze/ de ander de andere alleen int ghebruyck ghehouden heb-
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ben: ia datmen alser enighe wóórden voorvallen diemen meent uyt het Latyn te spruyten ... wel naarstelyck na zócht om te spueren/ ófse óóck uyt onze grondwóórden bestaan ...58

Die ‘Bereicherung’ der Sprache ist durchaus konkret in dem Sinne zu verstehen, dass man die Lücken mit den Grundwörtern verwandter Mundarten auffüllt, ähnlich wie es de Laet und van Hout vorgeschlagen haben. Aber Spiegel nennt einen weiteren, wichtigen Aspekt. Das Forschen nach den Grundwörtern in den ‘deutschen’ Sprachen kann zur Bestimmung des germanischen Ursprungs führen, den man bisher im Lateinischen vermutet hatte. Es trägt also zur Kenntnis der eigenen bei, und das gilt vor allem dann, wenn man das Interesse auf den Ursprung richtet. So hat sich Kiliaan in seinem Wörterbuch des Pan-Germanismus bedient, um zu den ‘etymologias sive origines’ zu gelangen.59 Wie ein Nachhall der Twe-spraack klingt Harsdörffers Feststellung, es

möchte nicht ausser wegs seyn etliche alte Stammwörter aus der Schwedischen/Dänischen/alten Celtischen/ und Niederländischen Sprache herfürzusuchen ...60

Man darf aber die Unterschiede nicht verkennen. Bei Spiegel hatte der Pan-Germanismus eine praktische Seite der Sprachbereicherung und eine theoretische der Ursprungsbestimmung; und auf dieser liegt das Hauptgewicht bei Harsdörffer. Kam es dem unkritischen Purismus darauf an, die Wörter nach ihrer äusseren Gestalt zu bewahren oder zu verwerfen, so fragt die Spracharbeit nach dem deutschen Ursprung. Erst wenn das Alter nachgewiesen werden kann, ist auch die Echtheit gesichert. Als Instrument der Wahrheitsfindung bediente man sich des Pan-Germanismus, der bei Schottel durch die niederdeutsche Sprache vertreten ist:

Der Niederteutsche aber rahmet und trift gemeiniglich näher zum Ziel/ weil die alte Art/ Spruch/ Form und Norm im Niederteutschen ... kennlicher und unverrükter geblieben/ als in der mit der Zeit nur aufgebrachten/ angenommenen und ausgeschmükten Hochteutschen Mundart.61

Eine Sprache, die sich dem Ursprung nähert, hat auch den Reichtum der alten Wörter bewahrt. Schottel hat auf dieser Grundlage eine Wertung des Niederländischen und Hochdeutschen vorgenommen, in der der Patriotismus durch die historische Einsicht abgeschwächt wird:

Die Niedersächsische/ wie auch Niederländische Mundart/ kommt dem rechten Grunde/ und Uhrsprünglichem Wesen oft näher/ als das Hochteutsche/ ist auch fast an Wörteren reicher und nicht weniger lieblich.62

Wenn Schottels Pan-Germanismus zum Lob der anderen Mundarten führt, so darf man aus einer passiven oder ablehnenden Haltung nicht

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ein negatives Urteil über die Nachbarsprache folgern. Pontus de Heuiter stellt einige Lehnwörter in seiner Muttersprache fest und verweist den Bewohnern der Grenzgebiete, dass sie ohne Not hochdeutsche Wörter aufgenommen hätten. Aber das ist keine Abwertung, de Heuiter ist vielmehr der Überzeugung, dass beide Sprachen gleich gut ausgerüstet sind: das Deutsche und das Niederländische seien alt, reich und rein, und darum bedürfe es nicht der gegenseitigen Hilfe.63. Die Ablehnung des Pan-Germanismus entspringt hier also einer Hochschätzung beider Sprachen.

Gemeinsamkeiten zeigen auch die Grundlagen zur Spracharbeit. Die Niederlande haben im 17. Jahrhundert zwar einen Vorsprung, jedoch sollte man die umgekehrte Situation im 16. Jahrhundert nicht vergessen. In der Praxis bedeutet das, dass es zu einem Kreislauf der Argumente und einem Austausch der Verfahrensweisen kommen kann. Sicherlich ist es richtig, dass die Deutschen im 17. Jahrhundert nachweisen mussten, ‘dass ihre Sprache älter und für die Poeterei mindestens ebenso geeignet sei wie die klassischen, die romanischen Sprachen’, man darf aber das Niederländische nicht vorbehaltlos in diesen Wettbewerb einbeziehen.64 Heinsius hatte für die Dichtung, die holländischen Linguisten für die Sprache den Nachweis erbracht, und seine Gültigkeit wurde auch für den deutschen Bereich beansprucht. Aber die Übereinstimmungen sind nicht so weitreichend, wie der unkritische Purismus zunächst vermuten liess. Bei der Frage des Pan-Germanismus zeigt sich in Deutschland eine isoliertere Haltung als in den Niederlanden. Und wenn man ihn dennoch zulässt, dann sind dafür poetische und keine sprachlich-puristischen Motive massgeblich; oder aber er wird in der Forschung als die Methode beansprucht, mit der man die richtige Gestalt der deutschen Wörter erkennen kann. Sprache und Schrift sollten von fremdem Einfluss freigehalten werden. In den Niederlanden dagegen finden sich manche Autoren, die einen Mangel ihrer Muttersprache mit Hilfe der Mundarten beheben wollen. Daraus ergibt sich für die Spracharbeit ein Spannungsverhältnis von Anlehnung und Abgrenzung, das einmal durch die sprachliche Nähe, das andere Mal durch den Willen zur Eigenständigkeit bestimmt ist. Theoretische Einsichten können häufig von Deutschen übernommen werden, ebenso eine Anzahl von Methoden. Die Einmischung fremder Elemente in die konkrete Sprachgestalt wurde zurückgewiesen. Diese Feststellung soll an den Stammwörtern, den Komposita und der Orthographie geprüft werden. Diese drei Gebiete wurden ausgewählt, weil sie zu den wichtigsten und umfassendsten der Spracharbeit gehören. Dabei geht es jeweils nicht um eine systematische Gesamtbeschreibung, sondern darum, anhand der zeitgenössischen Belege die Übereinstimmungen und Unterschiede in den deutsch-niederländischen Beziehungen heraus-zuarbeiten.

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C Die Stammwörter

Die Stammwörter bilden die Grundlage des Sprachbegriffs im 17. Jahrhundert und bestimmen so wichtige Gebiete der Grammatik wie Wortzu-sammensetzungen und Rechtschreibung. Ihre Behandlung lässt all das erkennen, was über die geschichtliche Entwicklung und die gemeinsame Problemlage gesagt wurde. Schon Irenicus und Rhenanus hatten im 16. Jahrhundert über die deutschen Stammwörter geschrieben, und später hob Albertus die Vorzugsstellung seiner Muttersprache auf diesem Gebiet hervor.1 Im 17. Jahrhundert ist es dann Schottel, der sich am eindring-lichsten mit ihnen beschäftigt. Seine Erkenntnisse hat man wegweisend genannt.2 Ihm gebührt das Verdienst, die Stammwörter beschrieben, gedeutet und gesammelt zu haben, die Kenntnisse jedoch verdankt er seiner enzyklopädischen Rezeptivität. Das scheint Plattner mit der These verneinen zu wollen, Schottel beziehe sich zwar auffällig häufig auf die Niederländer Heinsius, Grotius und Stevin, aber diese hätten nur Anregungswert; ein ‘direkter Einfluss ... auf Sprachbegriff und Methode’ lasse sich nicht nachweisen.3 Man fragt sich mit Recht, ob Plattner hier nicht eigene Vermutungen widerlegt und aus welchem Grunde Heinsius in diesen Zusammenhang gestellt wird, da er keinen Beitrag zur Spracharbeit geleistet hat. Auf der anderen Seite vermisst man Becanus, Schrieckius und eine Betrachtung von Simon Stevins Wirkung. Schottel kennt zwar auch die deutsche Tradition des 16. Jahrhunderts, er erweist sich aber als gelehriger Schüler der Niederländer und vor allem Stevins, dessen ‘Vytspraeck Vande Weerdicheyt Der Dvytsche Tael’ er oft zitiert und noch häufiger ausschreibt. Das mindert nicht den Wert seiner Darlegungen, sondern zeigt ein weiteres Mal, wie stark man sich an den Niederländern ausrichtete.

In der Ausführlichen Arbeit wird die Bedeutung der Stammwörter mit zwei Bildern beschrieben. Wie jedes Gebäude auf einem festen, wohlgepfählten Grund stehe, so habe das Kunstgebäude der Sprache das Fundament in den Stammwörtem, die als ‘saftvolle Wurtzelen den gantzen Sprachbaum durchfeuchten.’4 Ein wurzelreicher Baum werfe grosse Ernte ab, eine Sprache mit vielfältigen Stammwörtern bringe herrliche Früchte hervor. Der Widerspruch zwischen Statik und Dynamik ist nur ein scheinbarer. Die Stammwörter sind das unveränderliche Fundament, die Früchte, die sie treiben, zeigen sich in Herleitungen und Zusammen-setzungen. Je mehr Stammwörter eine Sprache besitzt, desto üppiger kann sie auswachsen. Um die Begriffe Ursprünglichkeit und Vielzahl kreisen die meisten Erörterungen:

In nostra lingua omnia vocabula primogenia sunt monosyllaba, eorumque tanta copia, ut in ea interpretanda nulla unquam existat sententiarum diversitas, quanquam frequentem apud Hebraeos esse nemo diffitetur. Hac igitur parte lingua Germanica, Hebraicam vocum copia, Graecam & Latinam brevitate vincit ...5
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So hat es Becanus beschrieben, Schottel übernahm es wörtlich, und Albertus' Formulierung stimmt damit weitgehend überein. Grundsätzlich hat sich im Vergleich zum unkritischen Purismus an der apologetischen Haltung nichts geändert, nur dass man sich jetzt weniger gegen die modernen Sprachen richtet, sondern gegen das Hebräische, Griechische und Lateinische. Das aber zeigt, dass man den Blick auf die Ursprünge lenkt.

In den Erörterungen gib es eine Konstante, die fast überall auftritt, nämlich die Gleichsetzung von Einfachheit (brevitas) oder Einsilbigkeit und Alter oder Ursprünglichkeit:

... die Wurtzeln oder Stammwörter Teutscher Sprach sind alle einsilbig / kurtz/ rein/ fest/ hell/ klar/ deutlich/ säfftig/ kräfftig und mächtig: wie sie von unsern Vhrahnen gemuntzet worden/ für das gelten sie noch heut bei jhren Nachkümmlingen.6

Ob nun die Stammwörter von den Urahnen geprägt wurden oder göttlichen Ursprungs sind - in beiden Fällen besitzt gerade der Deutsche besondere Fähigkeiten zu einsilbigen Wörtern. Mit Zähnen, Lippen, Zunge und Kehle - so Schottel im Anschluss an Stevin - kann er unendlich viele bilden und jedes Ding mit einem nur diesem zukommenden, einfachen Laut benennen. Weniger ist fast unmöglich, mehr ist unnütz.7 Schottel ist mit Becanus und Stevin der Ansicht, dass die Grundwörter der göttlichen Natur entstammen und ihre Geheimnisse aufdecken. Er führt in die sem Zusammenhang auch Schrieckius an:

Miranda est consonantia & convenientia inter naturales existentias, linguamque Celticam seu Germanicam.8

Zwischen Laut und Ding besteht eine Harmonie, die im Urzustand voll-kommen war und erst durch die sprachliche Entwicklung verdeckt wurde. Aber die Aufgabe der Sprache besteht nicht nur in der Offenbarung der Natur, sondern auch des Verstandes. Es sei an das Beispiel von Glareanus erinnert und an die Verse von Grotius: ‘Lingua imperare nata, quae citos mentis/ Sensus adaequas non minus brevi voce.’ Ähnlich hat es Stevin formuliert, und von ihm übernahm es Schottel:

Unser Gedächtnis ... ist kurtz und schnell/ darum ist auch die Erklärung desselben die beste/ die kurtz und schneil/ rein und vernemlich daher klinget.9

Die Harmonie von Laut und Ding, Wort und Geist zeigt sich zuerst in der Einsilbigkeit. Aus der gegenwärtigen Fülle schliesst man auf das Alter der Muttersprache, das das des Hebräischen nicht nur erreicht, sondern nach Becanus' weitverbreiteter Ansicht weit übertrifft. Um der Behauptung vom hohen Alter der deutschen Sprache den Anschein einer blossen Vermutung zu nehmen, ersetzt er den sprachlichen Ursprung durch die menschliche Kindheit. Wahrscheinlich bezieht sich Schottels Beobachtung auf Becanus:

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Man nehme den Anfang der Natur alhie ab an den Kinderen/ welche in Formirung der lallenden Zungen erstlich einsilbige Wörter hervor bringen lernen ...10

Die Untersuchung der Kindersprache erlaubt weitere Folgerungen, die bei Schottel nur andeutungsweise vorhanden sind. In der Twe-spraack , die sich in diesem Abschnitt auf Becanus stützt, wird eine Reihe von Kinderwörtern aufgezählt: ‘taat, tit, nin, lepel, kack, pyp, pop, lel, lul.’11 Es handelt sich nicht nur um einsilbige, sondern auch um Krebswörter. Man kann sie vor- und rückwärts lesen: sie behalten denselben Laut und Sinn. Sie beweisen die Eigenständigkeit eines Stammwortes und darüber hinaus der ganzen Sprache, wenn sie als unvollständiges Palindrom auftreten, d.h. in der Umkehrung nicht dasselbe Wort ergeben:

zó hebben wy óóck veel onvolkomen kreeftwóórden/ die aerzelings gelezen zynde/ een ander wóórd maken ... als ai ende ia ... klóck ende kólck ... zack ende kas ... room ende moor ...12

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Sprache aus sich selbst heraus besteht und keiner fremden Hilfe bedarf.

Becanus Gedankengang ist in sich folgerichtig: er setzt die Einsilbigkeit als Maßstab für das Alter, stellt in der deutschen Sprache mehr einsilbige Wörter als in anderen fest, und danach ergibt sich nach einem einfachen Schluss das höhere Alter des Deutschen. Aber schon Lipsius und Scaliger haben die Prämissen und die daraus resultierende Suche nach absurden Etymologien angegriffen. Der Humanistenstreit um Becanus hat seinen Niederschlag auch in Deutschland gefunden. Schottel gibt davon eine Zusammenfassung, die in ihrer Parteilichkeit seinen eigenen Standpunkt beleuchtet. Er wirft Becanus zwar vor, dass er ‘im Beweistuhme ... gar zu frey um sich greifft’, er steht aber dennoch auf seiner Seite. Den Grund für die Kontroverse sieht er bei den Gegnern. Lipsius soll ‘mehr wider Becanum gesagt/ als bewiesen haben’, und Scaliger habe ‘wider den Becanum zureichenden Beweistuhm nicht beygebracht’, weil er ‘der Teutschen Sprache unkündig gewesen’.13 Schottel steht das Lob der Sprache höher als die Überzeugungskraft der Argumente. Er bleibt mit Schrieckius bei der Folgerung, ‘daß die Nomina universa einzig und allein jhre eigentliche Deutung in den Teutschen Wörtern finden.’14 Auch Zesen hat sich am Streit um Becanus beteiligt. Das Dogma von Einsilbigkeit gleich Alter entkräftet er mit Lipsius durch die chinesische Sprache. Sie bestehe fast ausschliesslich aus einsilbigen Wörtern und werde nur durch den Akzent unterschieden, aber daraus folge nicht, dass sie allen anderen vorausgegangen sei.15 Die Zurückweisungen richten sich gegen Becanus Methode, nicht aber gegen die Überzeugung, dass die deutsche Sprache alt und an Stammwörtern reich ist. Sie müssen auch unterschieden werden von den Vorschriften gegen den Gebrauch einsilbiger Wörter in der Dichtung. Was die Spracharbeit als ihren vornehmsten Gegenstand ansieht, das stösst in

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der Poetik auf Ablehnung. Optiz' Gebot, ‘Es siehet nicht wol auß/ wenn ein Verß in lauter eynsylbigen wörtern bestehet,’16 ist oft wiederholt worden. Wenn es auch wegen der Fülle nicht streng befolgt werden kann, so gilt es stets zwei Gesichtspunkte zu beachten: den Klang des Verses und die richtige Wortgestalt. Ein Vers, in dem einsilbige Wörter gehäuft sind, wirkt ‘schwer’ und ‘klötzig’, weil ‘ein jeder wort vor sich ist/ und den klang endet.’17 Schottel wendet sich gegen die ‘verstümlung und gesuchte Einsilbigkeit’,18 und er meint damit sicherlich das Verfahren, ein Wort durch Elisionen und Synkopen zu verkürzen, das nach der hochdeutschen Mundart mehrsilbig ist.

Die Kontroversen um Becanus offenbaren eine Unsicherheit in der Behandlung der einsilbigen Wörter. Es stellte sich daher die Aufgabe, eine konkrete Grundlage zu schaffen. Der Mathematiker Stevin setzte neben die spekulativen Betrachtungen den arithmetischen Beweis. Er ist wohl der erste, der statistische Erhebungen über die einsilbigen Stammwörter anstellte, die zu einem augenfälligen Ergebnis führten: im Griechischen zählte er 265, im Lateinischen 163 und im Holländischen 2170. Diese Zahlenreihe imponierte in Deutschland ungemein; sie wurde immer wieder zitiert.19 Man übertrug sie auf die eigenen Verhältnisse und wertete sie als unwiderlegbare Bestätigung für die Überlegenheit der deutschen Sprache. Stevin ging es nicht um Vollständigkeit. Er bekennt, dass er die Stammwörter aus nur einem Lexikon, dem Schat Nederduytscher Talen von J.v.d. Werve, zusammengelesen habe. Dieses Werk sei unvollständig, und im Griechischen und Lateinischen habe er manches übersehen, an den Mehrheitsverhältnissen aber werde sich nichts ändern. Das zeigt deutlich, dass er nicht von philologischer Akribie geleitet wurde, sondern von einem sprachpatriotischen Konkurrenzdenken.

Aus demselben Beweggrund stellte Schottel seine umfangreiche Sammlung ‘Von den Stammwörteren der Teutschen Sprache’ zusammen.20 Es sei gleich vorweg gesagt, dass er von Stevin angeregt und beeinflusst wurde. Er hat viele Beispiele von ihm übernommen. Seine Absicht aber ist eine andere, und das zeigt schon der äussere Umfang, der um ein Vielfaches angewachsen ist. Auch er konnte keine Vollständigkeit erreichen, da er die Stammwörter aus den Handwerkskünsten nicht beherrschte, aber er tut dennoch einen wesentlichen Schritt über Stevin hinaus. Ihm verdankt er die Einsicht, dass in der gegenwärtigen Sprache etliche mehrsilbige Wurzelwörter seien, die früher einsilbig ausgesprochen wurden: statt Vater und Mutter habe man ‘Vaer’ und ‘Moer’ gesagt.21 Da nach seiner Auffassung das Niederländische eine ältere Sprachstufe darstellt, muss es nicht nur zur Erklärung, sondern auch zur Ergänzung herangezogen werden, wobei er die Sammlung von Stevin benutzte:

Niederteutsche Stammwörter/ so in dem Hochteutschen gemeiniglich unbekant/ sind anhero gesetzt/ wan aber das Hochteutsche bekant/ ist das Niederteutsche ausgelassen; Es sind sonder zweiffel
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in den Hochteutschen Mundarten viele Wörter befindlich/ so in den Niederteutschen unbräuchlich/ und in diesen nicht weniger viele bräuchlich/ so in jenen unbekant.22

Schottel ist also bemüht, seine Sammlung auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen. Er berücksichtigt ältere Sprachstufen und andere Dialekte und stellt damit das Prinzip des Pan-Germanismus in den Dienst der Sprachforschung. War Stevins Liste dazu bestimmt, den Vorzug der Muttersprache anhand konkreter Zahlen nachzuweisen, so geht es Schottel auch um die Sprache selbst. Seine Ziele sind dieselben, die für die zahlreichen ‘vocabularia’ und Fachwortschätze der Zeit verantwortlich sind: er will den Bestand feststellen und bewahren und eine Norm gegen die Willkür errichten. Für ihn sind die Stammwörter ‘das erste und letzte im Sprachwesen’, ‘die Ekk- und Grundsteine.’23 Sie bilden das Fundament, und somit bedeutet ihre Sammlung und Erklärung die Festigung des ganzen Sprachgebäudes.

Es hat sich gezeigt, dass Schottels Verständnis der Stammwörter den Niederländischen Sprachforschern mehr als eine Anregung verdankt. In der Deutung und der Einschätzung der Bedeutung für die Muttersprache stimmen sie überein. Darüber sollten auch nicht die unterschiedlichen Ansätze seiner und Stevins Sammlung hinwegtäuschen. Er hat gerade die Vollkommenheit der Stammwörter im Anschluss an Stevin in vier Eigenschaften zusammengefasst. Sie besteht darin, dass sie ‘jhr Ding eigentlich ausdrükken’ und zahlreich vorhanden sind, dass sie in ihren ‘Natürlichen Letteren’ bestehen und ‘allerley Bindungen/ Doppelungen und artige Zusammenfügungen’ hervorbringen.24 Die beiden ersten Eigenschaften wurden hier besprochen, die Wirkungen auf die Komposita und die Orthographie werden die beiden folgenden Abschnitte zu untersuchen haben.

D. Die Wortzusammensetzungen

a. Zur Theorie

Die Lehre von den Komposita ist unmittelbar mit dem Dogma der Einsilbigkeit als ihrer hinreichenden und notwendigen Bedingung verbunden, sie scheint es aber auch einzuschränken. Hinreichend, weil die Kürze der Wurzeln die vollkommenen Zusammensetzungen erst ermöglichen; notwendig, weil jede Sprache nur über eine beschränkte Anzahl von Stammwörtern verfügt, die noch nicht einmal ‘der hunderste Teihl in gleichgeltender Gegenzahl der mannigfaltigen Dinge’ ist.1 Das ist zunächst ein Widerspruch, denn eine Sprache, die jedes Ding mit einem einsilbigen Laut benennen kann, bedarf nicht der Komposita. In diesen aber sah man mehrmalige Einsilbigkeit, und somit wird die Fähigkeit zu Wortzusammensetzungen neben den Stammwörtern zum Maßstab für den Wert der Sprache überhaupt erhoben. Der Deutsche braucht nicht

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zu weitschweifigen Umschreibungen zu greifen, da er eine Sprache besitzt, die sich ‘künstlich / kürztlich und deutlich doppelen lest/ daß man fast jedes und alles mit einem deutlichen Worte anzeigen künne.’2

Die Anweisungen zur Bildung von Komposita in den Lehrbüchern des Frühbarock sind gering. Opitz nennt nur eine Art, bei der ‘das nomen verbale ... allzeit ... muß hinten gesetzt werden’, und Buchners Vorschrift geht darüber nicht hinaus.3 Einen Fortschritt bedeuten die Ausführungen von Titz. Er zählt fünf Arten auf und gibt jedesmal an, welches Glied vor- oder nachgestellt werden muss, aber das Bildungsgesetz hat auch er nicht klar erkannt.4 Der Grund liegt in der Sache selbst und in der Zielsetzung dieser Schriften. Die einfachen Anweisungen zeigen, dass man noch keine differenzierte Kenntnis der Komposita besass, und es lag nicht in der Absicht von Poetikern, diese zu untersuchen, sondern ihnen einen angemessenen Platz innerhalb des poetischen Regelsystems zuzuweisen.

Die Untersuchung der Komposita ist ein Gegenstand der Sprachforschung. Es ist längst erkannt worden, dass Schottel als erster eine Theorie über sie aufgestellt hat,5 die Rolle der Niederländer aber wurde bisher nicht genügend beachtet. Es ist keine Übertreibung, wenn man Schottels Darlegungen in der sechsten Lobrede von den ‘wunderreichen Eigenschaften ... in Verdoppelung der Teutschen Wörter’6 als eine aufgeschwellte Kompilation aus Stevins ‘Vytspraeck’ und ‘Wysentyt’ bezeichnet, die das für ihn typische Bild der Arbeitsweise zeigt. Er fügt wenige Gedanken hinzu, aber eine Fülle von Beispielen; sein Sammeleifer erstellt voluminöse Wortlisten, sein analytischer Verstand trifft Einteilungen und Differenzierungen bis ins kleinste Detail. Die Grundlagen aber fand er bei Stevin vor: alles, was sich bei diesem über Theorie, Verwendung und puristische Apologetik der Komposita findet, enthalten auch die sechste Lobrede und die Wortsammlungen. Die einzelnen Gruppierungen sollen hier nicht vorgestellt werden, sondern die von Stevin übernommene, massgebliche Erkenntnis der Zweiteiligkeit. Schottel ist wohl der erste im deutschen Sprachbereich, der eine Trennung zieht zwischen &