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4. Kapitel
Die Gelegenheitsdichtung am Beispiel der Hochzeitsdichtung

A. Gelegenheitsdichtung und Poetik

Wohl kaum ein Erzeugnis der barocken Poeterei ist in der literarischen Kritik so schlecht beurteilt worden wie das Gelegenheitsschrifttum. Es entspricht am wenigsten dem heutigen Bild von Dichtung und vor allem dann nicht, wenn man es gegen die Gelegenheitsdichtung Goethes hält. Man stellte an ihm blosse Handfertigkeit fest und betrachtete es als Ausfluss eines Schreibeifers, dem man Papier und Druckerschwärze hätte versagen müssen. Solche Beurteilungen entspringen einer unangemessenen Betrachtungsweise, die die Bedeutung der Gelegenheitsdichtung völlig ausser acht lässt. Im Schaffen der Dichter nimmt sie einen zentralen Platz ein und steht häufig am Anfang. Es wurde bereits erwähnt, dass Opitz' erste Verse in deutscher Sprache auf den Geburtstag von Caspar Hieronymus Scultetus geschrieben wurden und dass Kölers erster nachweisbarer Druck zu einer Hochzeit erschien. Buchners Werdegang als eines deutschen Dichters soll ebenfalls mit Epithalamien begonnen haben.1 Die Gelegenheitsdichtung stellt somit eine wichtige Stufe auf dem Weg zur muttersprachlichen Dichtung dar. Für den Literaturhistoriker ist sie ein willkommenes Hilfsmittel, einzelne Stationen der Biographie zu rekonstruieren und die dichterische Entwicklung nachzuvollziehen.2

Die negative Kritik ist nicht erst modernen Ursprungs. Schon Opitz widmet ihr einen Abschnitt in der Poeterey, den er ziemlich wörtlich dem Epilog zu Heinsius' Poemata Latina entnahm:

Ferner so schaden auch dem gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen/ welche mit jhrem vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern. Es wird kein buch/ keine hochzeit/ kein begräbnüß ohn vns gemacht ...3

Fast alle Autoren der Folgezeit, die sich für die muttersprachliche Dichtung einsetzten, haben zu diesem Problem Stellung genommen. Zesen sieht eine negative Folge der Buchdruckerkunst darin, ‘Daß itzt fast iederman ein Deutsch Getichte macht’, denn

Mancher halber Schreiber ... wil mit bey allen Hochzeiten und Begräbnüssen seyn; kömmet mit seinen kunterbunten zusammen geraspelten Versen herein geprasselt/ daß manches Frauenzimmer ...
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sich davor entsetzen/ und wohl/ ich weis nicht was/ darüber bekommen solte ... O Ihr albernen Reimschmiede ...4

Am ausführlichsten hat Johann Rist in seinen Schriften die grosse Anzahl ‘elender jammerlicher Poeten’ getadelt, die ihren ‘Namen auff allen Hochzeiten ... schawen lassen’ müssen.5 Man hat einen Widerspruch darin gesehen, dass sich die Autoren theoretisch gegen die Gelegenheitsdichtung wandten, ihr aber in den eigenen Werken breiten Raum gaben. Man betrachtete das als eine Inkonsequenz, zu der die Dichter durch ihre soziale Stellung gezwungen worden seien.6 Die Beispiele aber zeigen, dass sich die zeitgenössische Kritik nicht an der Gelegenheitsdichtung selbst entzündet. Sie entspringt vielmehr einer Sorge um die Würde der Dichtung und um das Ansehen des Dichters. Man missbilligte die Übertreibungen und den Brauch, zu allen erdenklichen Ereignissen Verse beizusteuern. Vergeblich wird man eine Kritik an der Gelegenheitsdichtung eines anerkannten Autors suchen. Der Tadel richtet sich gegen Unfähige, in deren Schriften ‘offte mehr Fehler als Verse’ zu finden sind.7 Man sah darin einen Schaden für die deutsche Dichtung und einen Rückschritt hinter die von Opitz eingeleitete Reform. Für denjenigen aber, der das poetische Rüstzeug beherrschte, stellte die Gelegenheitsdichtung eine geachtete und häufig bemühte Gattung dar. An Themen hatte es keinen Mangel, und es ist keine Seltenheit, dass alle Höhepunkte des privaten Lebens - Geburt, Hochzeit, Tod - und alle Stufen des gelehrten Werdeganges - Erwerbung eines akademischen Grades, Publikationen und Bestallung als Professor - von Freunden besungen wurden, so dass das Leben des Bewidmeten in einer ansehnlichen Anthologie dokumentiert wurde.8 Heinsius' Poemata Latina, Hudemanns Divitiae Poeticae und Tschernings Früling sind nur wenige Beispiele dafür, welch grossen Raum die Gelegenheitsdichtung im Schaffen eines Autors einnehmen konnte. Ihre Bedeutung im gelehrten und sozialen Leben lässt sich am besten an Rists Teütschem Parnass zeigen. Der Dichter wollte darin ‘die rühmliche Gedächtnisse so vieler grosser Herren/ vielmügender Gönner und wolvertrauter Freünde beständig ... erhalten.’9 Der weit über 900 Seiten umfassende Band enthält Gedichte zu einer Vielzahl von Anlässen; in einem ‘Nebenbergelein’ (S.857ff.), dem ‘liber adoptivus’, sind die Lobgedichte an den Autor selbst gesammelt. Damit sich der Leser in der Fülle der Namen besser zurechtfinde, beschliesst den Band ein

Richtiger Blathweiser/ Fürnemlich Anzeigend Die Namen und Beschaffenheiten derjenigen Personen/ Welche zu Libe und Ehren/ die vorhergehende Gedichte dises Parnassus sind auffgesetzet/ und theils aus Schuldigkeit/ theils auf sonderbahres Begehren übersendet.10

Es folgt ein Index von rund 160 Namen mit den Standesangaben, die von Königen und dem Hochadel abwärts reichen. Rists Bemerkungen

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sagen Wichtiges zur Charakteristik der Gelegenheitsdichtung aus. Als Adressaten nennt er grosse Herren, mächtige Gönner und wohlvertraute Freunde, als Gründe für die Abfassung Liebe, Ehre, Schuldigkeit und das Begehren anderer. Die Gelegenheitsdichtung war eines der Hauptmittel, die Gunst eines Mäzens zu erwerben; innerhalb der ‘respublica literaria’ stellte sie neben dem Brief die am intensivsten betriebene Form der literarischen Kommunikation dar.

Es ist bemerkenswert, dass sich die nach Umfang und Bedeutung herausragende Gelegenheitsdichtung in das Gebäude der normativen Poetik nur schwer einordnen lässt. In einer Zeit, in der das geschriebene Wort systematisiert und gegliedert wird, kann man ihr keinen bestimmten Platz zuweisen. Wenn Opitz die Aufnahme in die ‘Sylvae’ empfiehlt, in denen ‘vieler art vnd sorten Bäwme zue finden sindt,’11 dann ist das ein Zeichen für die Schwierigkeit, gattungsbestimmende Kriterien anzugeben. Das gilt nicht nur für die Gelegenheitsdichtung als Gesamtheit, sondern auch für ihre Teilbereiche. Epithalamien lassen sich inhaltlich und formal auf keine bestimmte Gestalt festlegen. Es überwiegen zwar die Alexandrinergedichte mit mythologischen und petrarkistischen Motiven, daneben aber finden sich auch Sonette, Madrigale, Epigramme u.a. Formen mit Anleihen aus der christlichen, anakreontischen und bukolischen Bilderwelt.12 Hiermit ist zugleich die Überlieferung angegeben, an deren Ende die deutsche Epithalamienkunst steht. Sie fusst in starkem Masse auf der Neulateinerei und den Nationalliteraturen, die ihrerseits in zahllosen Variationen die Formen wiederholen, die sie bei antiken Autoren vorfanden.13 Die Reichhaltigkeit der Quellen, die Freiheit in Stoff- und Formwahl und die sich ändernden Anlässe versprechen eine abwechslungsreiche Kunstausübung. Jedoch bemerkt jeder Leser frühbarocker Epithalamien sogleich die Uniformität. Die Möglichkeiten, die diese Gattung bot, wurden nur zu einem kleinen Teil ausgeschöpft. Die Gründe dafür liegen in der Auswahl der Quellen, der poetischen Arbeitsweise und in dem besonderen Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit, von Anlass und Gedicht.

Zur Klärung dieser Fragen sei zunächst das Verhältnis von dichterischem Selbstverständnis und Gelegenheitsdichtung dargelegt. Nach Ansicht der Zeit erwuchs der grösste Schaden für die deutsche Dichtung aus einer Flut von Neuerscheinungen, die den Leser mit einer Fülle minderwertigen Schrifttums überhäufte. Tscherning charakterisiert den hastigen Literaturbetrieb als eine Krankheit, der der einzelne machtlos gegenüberstehe: ‘die sucht zu schreiben/ und was nur auff das Papir fält ans Licht zugeben [ist] heutiges Tages so garweit eingerissen und zu schwunge kommen.’14 Auf diesem Hintergrund erscheint Titz' positive Bestimmung der Dichtung als ein aus der täglichen Erfahrung abgeleiteter Lehrsatz. Dichten definiert er als

einem dinge fleissig nachdencken vnd nachsinnen/ oder etwas mit Bedacht vnd grosser Sorgfältigkeit erwegen vnd durchsuchen.
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Darnach heisst es auch so viel/ als/ durch solches nachdencken etwas erfinden ...15

Der eiligen Vielschreiberei wird hier ein Konzept von Dichtung gegenübergestellt, das zu den idealen Vorstellungen der Zeit gehörte. Drei wichtige Tugenden werden in diesen Sätzen angesprochen. Behutsame Umsicht statt Überstürzung ist bei der Wahl des Themas am Platze. Es wird durch Verstandestätigkeiten gewonnen, indem der Dichter nicht seiner Inspiration folgt, sondern Fragen und Probleme nach allen Seiten durchleuchtet. Das kann nur auf Grund einer umfassenden Bildung geschehen. Titz spricht vom gelehrten Dichter, der reproduzierend und ordnend seinen Wissenschatz in die Dichtung aufnimmt. Diese Schaffensstufe bildet die Voraussetzung für eine weitere, höher bewertete: durch intensives Forschen soll der Dichter zu einer eigenen Erfindung gelangen. Was hier fast beiläufig erwähnt wird, bildet den Grundgedanken von Titz' Einleitung ‘Von der Poeterey in Gemein’. Er stützt sich vor allem auf Opitz und Buchners damals noch ungedruckte Poetik, aber das mindert nicht den Wert seiner Gedanken, sondern spricht für ihre Verbreitung und allgemeine Gültigkeit. Die Erfindungsgabe des Dichter wird in fast jeder Barockpoetik behandelt. Titz zwingt sie nicht als Dogma auf, sondern erschliesst sie aus der Wirkung der Gedichte auf den Leser. Die meisten Menschen liessen sich durch ein Gedicht bewegen; die Verse müssten daher eine ‘durchdringende Krafft’ haben, deren Urheber der ‘sonderbare Geist’ der Poeten sei.16 Das dichterische Ingenium wird als eine natürliche Begabung angesehen, die ausserhalb der Verfügbarkeit des menschlichen Vermögens liegt. Es wird durch einen göttlichen Antrieb geweckt, der allein den Dichter zu eigener Erfindung befähigt. Sie besteht nicht in der Nachahmung oder Variation vorgefundener Muster, noch erschöpft sie sich in der blossen Wiedergabe der Wirklichkeit. Man darf den Dichter deswegen aber nicht der Verlogenheit bezichtigen, da diese nur aus niederträchtigen Motiven entsteht. Wenn sein Werk ‘zwar offt mit der Warheit nicht in allem übereinstimmet’, so schildert er doch, wie es ‘sich also verhalten solte oder köndte.’17 Er zeichnet sich vor anderen Menschen durch ein tieferes Wissen aus, und daraus erwächst die Verpflichtung, den Leser zur Weisheit und Tugend zu erziehen. Er ist in einer Person Philosoph und Arzt seiner Zeit. Titz lässt keinen Zweifel an der Sonderstellung des Dichters, der ‘auch/ was nicht ist/ durch seine Göttliche Kunst’ gestalten kann. Die naturgegebene Schaffensgabe verbindet ihn mit Gott, ‘weil er/ gleichsam als ein Gott/ auß nichts etwas zumachen weiß.’18 Darin zeigt sich nicht nur der stolzeste Ausdruck dichterischen Selbstverständnisses, sondern auch ein absoluter Anspruch auf Originalität. Die Analogie zum Weltschöpfer diente auch in der deutschen Genieperiode zur Bestimmung des Dichters.19 Aber während man hier eine Ablehnung des ‘Papierenen’, der virtuosen Handhabung der poetischen Werkzeuge daraus folgerte und die gekünstelte Zierlichkeit der Sprache verwarf, bildete im Barock

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gerade die ‘Poetica ... die Kunst vnd Wissenschafft/ die den Poeten lehret/ wie er ein Getichte stellen soll’,20 eine notwendige Ergänzung zum Ingenium. An der ‘erfindung henget stracks die abtheilung/ welche bestehet in einer füglichen vnd artigen ordnung der erfundenen sachen.’21 ‘Ingenium’ und ‘ars’, naturgegebene Schöpferkraft und Kunstfertigkeit, sind die beiden Leitsterne, unter die die barocken Dichter ihr Schaffen stellten. Beide bedingen einander und waren aufeinander angewiesen, aber dennoch sind die Gewichte verteilt. In programmatischen Äusserungen, in denen die Ausnahmestellung des Dichters begründet und verteidigt werden soll, wird dem ‘ingenium’ der grössere Wert zugesprochen:

Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen/ vnd verse zue schreiben/ ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er muß ... von sinnreichen einfällen vnd erfindungen sein/ muß ein grosses vnverzagtes gemüte haben/ muß hohe sachen bey sich erdencken können.22

In der Praxis jedoch überwog die ‘ars’ als der lernbare Teil. Die Fülle von Lehrbüchern ist dafür der sprechendste Beweis.

Die Kritik an den Reimeschmieden schlechter Gelegenheitsgedichte lässt sich aus dem Bewusstsein der Auserwähltheit verstehen.23 Sie zeigt aber auch, dass man die anspruchsvolle Zweiheit ‘ingenium - ‘ars’ ebenfalls auf die Gebrauchskunst übertrug und zu ihrem Maßstab machte. Als Kriterium nahm man die Dauer der Wirkung. Den minderwertigen Begräbnisgedichten spricht Opitz nur Tageswert zu. Sie gehen mit den Verstorbenen unter.24 Rist will dagegen mit seinen Gelegenheitsgedichten den Ruhm der Bewidmeten der Ewigkeit anheimgeben.25 Der für die Ewigkeit schaffende Dichter ist mit dem göttlichen ‘ingenium’ begabt. Nirgendwo erweist sich das hier vorgetragene Verständnis des Dichters und der Dichtung deutlicher als eine ideale Vorstellung als auf dem Gebiet der Gelegenheitsdichtung. Sie entsteht als Auftragskunst zu bestimmten, datierbaren Begebenheiten, der gottgetriebene Dichtergeist lässt sich jedoch nicht lenken: ‘ein Poete’ - so Opitz in Anlehnung an Heinsius - ‘kan nicht schreiben wenn er wil/ sondern wenn er kann/ vnd jhn die regung des Geistes ... treibet.’26 In daeser Konzeption ist es folgerichtig, dass Tscherning in der Widmung seiner Gedichte an Heinrich Wentzel klagt, er habe

viel auff andrer Befehl und gegebene masse der Zeit hin geschrieben. E. Gestr. halten noch in frischem Gedechtnüß/ wie ich offters darüber geklaget/ wann ich tichten mussen nicht worzu ich selber Lust getragen/ sondern was mir ist vorgeschrieben worden.27

Die zur Poeterei erforderliche Liebe macht dem Unbehagen über den zeitlich und thematisch fixierten Auftrag Platz. Tscherning wertet seine Gedichte selbst und unterscheidet sie in zwei Klassen: ‘... ein theil ist

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mit fleisse gesetzt/ ein theil überhin geeilet worden.’28 Man wird in dem letzten Teil die Gelegenheitsdichtungen suchen müssen, in denen er nach eigenem Bekenntnis gegen die Grundforderungen der Behutsamkeit und Gründlichkeit verstösst. Auch Rist weiss, dass die Poeterei nur ‘mit höhestem Fleisse’ ausgeübt werden kann, er muss aber in demselben Federzug zugeben, dass er ihn bei der Gelegenheitsdichtung nicht habe anwenden können:

Solten nun ferner/ wolgeneigter lieber Leser/ etliche dieser Gedichte dir etwas Unvollenkommen scheinen oder vorkommen/ wie Ich den nicht läugne/ daß derer etliche viel besser hetten können außgearbeitet und etwas zierlicher aufgesetzet werden; So wollest du bedenken/ daß ein guhtes Theil derselben in höhester Eile von Mir verfärtiget/ ja daß ich oft ... gleichsahm über Halß und Kopff die Feder habe ansetzen/ sonderlich wen Leichbegängnisse und Hochzeiten ingefallen/ also/ daß Ich manches mahl die Sachen ohne einige Verbesserung/ nur bloß/ wie Sie auf das Papier geflossen/ auff die Drukkereien senden müssen ...29

Die Bekenntnisse von Tscherning und Rist sind bezeichnend für die Art, mit der man an der Gebrauchsdichtung arbeitete. Das hochgestellte Programm mit seinen Forderungen nach Originalität, Sorgfalt und Gelehrsamkeit wurde ausser acht gelassen. An seine Stelle trat eine Dichtung, in der das gründliche Suchen und Forschen durch eifrige Kompilation ersetzt wurden. Sacer, einer der schärfsten Kritiker der Epithalamiendichtung, hat gerade diese Schaffensweise in den Mittelpunkt seiner Missbilligung gestellt,30 die trotz aller spöttischen Überspitzung den Sachverhalt treffend charakterisiert: man setzte neu zusammen oder variierte die Anordnung, je nach der betreffenden Gelegenheit. Exemplarische Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang einem Epithalamium Scherffers zu, dessen Entstehungsgeschichte im Titel erläutert wird:

Hochzeit-Gesang/ bestehend in lauter Opitianischen halben und gantzen Reimen ... gesetzet nach den Blätern des Exemplars im Jahr MDCXXIX ... außgedrukket.31

Scherffer hat einige Verse und Halbverse aus dem Band von Opitz exzerpiert und die reimenden untereinandergeschrieben. Das Gedicht besteht aus 36 Alexandrinern, und auf dem Rand an beiden Seiten werden gewissenhaft mit der Seitenzahl 34 Stellenangaben aufgeführt. Das Ergebnis dieser Zusammenstellung unterscheidet sich nicht von der grossen Masse der Hochzeitsgedichte.

Wie Scherffer sind, wenn auch nicht mit ausdrücklichem Hinweis, viele Gelegenheitsdichter vorgegangen. Wenn es der Quellensuche gelingt, in einem Gedicht Entnahmen aus einer ganzen Anzahl von Werken nachzuweisen, so ist das allein noch kein Beweis für die breite Belesenheit des Autors. Oft wurden Schatzkammern zur Hilfe genommen, in denen ‘Anmuthige Formeln/ Sinnreiche Poetische Beschreibungen/ und

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Kunst-zierliche verblühmte Arten zu reden/ aus den besten und berühmtesten Poeten’ übersichtlich geordnet und leicht aufzufinden waren.32 Titz hat zu Peschwitz' Hoch-Teutschem Parnasz eine Vorrede geschrieben, die wichtige Aufschlüsse liefert über die Zielsetzungen der Schatzkammern. Sie hatten den patriotischen Zweck, dem Verächter der deutschen Dichtung deren ganze Schönheit vor Augen zu führen, und sie dienten gleichzeitig zu ihrer Verbesserung und Verbreitung. Der poetisierenden Jugend sollte ermöglicht werden, den ‘erfahrnen Meistern glücklicher’ zu folgen, damit die ‘edle Kunst’ von einer umso grösseren Schicht getragen werde. Die eigene Leistung bestand im Aufsuchen des gewünschten Stichwortes. Der von Titz angesprochene Leserkreis ist so weit wie möglich gefasst. Nicht nur junge Dichter sollten sich der Schatzkammer bedienen, sondern auch die ‘gelehrte Welt’, der ‘Deutschgesinnte Leser’ und umfassend ‘ein ieder’,33 mit dem auch der Verfasser der Gebrauchskunst gemeint sein dürfte. Es ist offenkundig, wie weit diese Bemerkungen von den dichterischen Vorstellungen entfernt sind, die Titz in seiner Poetik entwickelte. Die Exklusivität des Dichterstandes soll einer weitgehenden Popularisierung weichen, die dann wieder Anlass zu Klagen über die Vielschreiberei bietet. An die Stelle des geforderten Fleisses tritt das richtige Nachschlagen, und der mit Nachdruck vorgetragene Originalitätsanspruch wird aufgegeben und durch die Handhabung vorgefundenen Materials ersetzt.

Diese Art des Schaffens wirft die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Dichtung auf, die sich bei der Gelegenheitsdichtung konkretisiert zu der Frage, in welcher Beziehung Anlass und Gedicht stehen. Fechner hat kürzlich die Gelegenheitsdichtung als eine niedere Gattung beschrieben, die heute noch immer übersehen werde, obwohl sie ‘eben in der Gelegenheit, dem Anlass, ein Stück wirklicher Welt’ einschliesse und ‘das Verständnis des Dichters, seiner Zeit und seiner Zeitgenossen’ bereichere.34 Er sieht also in der Gelegenheitsdichtung einen Ausdruck der Wirklichkeit, Anlass und Gedicht stehen in enger Verbindung. Es gibt solche Werke, die als Zeitdokument und biographisches Zeugnis gewertet werden können. Köler berichtet in seinem Epithalamium auf die Hochzeit Hofmannswaldaus von den wichtigsten Lebensabschnitten des Bräutigams,35 und Flemings Epicedium auf Georg Gloger zeichnet sich durch eine für diese Zeit ungewöhnlich starke Anteilnahme des Autors aus, die Rückschlüsse auf seine Beziehung zu dem Verstorbenen zulässt. Aber die Beispiele gehören zu den Ausnahmen, und nur für sie ist Fechners Charakteristik zutreffend.36 Bei der grossen Anzahl der Gelegenheitsdichtungen lässt sich eine scharfe Trennung von Anlass und Gedicht feststellen, die schon dadurch bedingt ist, dass das Gedicht häufig vor dem Ereignis verfasst wurde, es gleichsam ankündigt, und nicht aus seinem Erlebnis heraus entstand.37 Dafür seien einige Beispiele genannt. Als der Wittenberger Professor Erasmus Schmidius gestorben war, erbat Buchner von Heinsius ein Epicedium:

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Scribsi ad te proximè de eruditissime Viri Erasmi Schmidii excessu: petiique abs te, ut pro amore eô, quô senem optimum, cùm viveret, complexus es, aliquô carmine manes ejus honorares.38

Über die Beziehungen von Heinsius und Schmidius ist nichts bekannt, und es ist nicht anzunehmen, dass sie besonders eng waren. Das Epicedium wird demnach kein persönliches Bekenntnis und keinen individuellen Preis des Verstorbenen enthalten können, sondern eine allgemeine Würdigung. In dem Freundesbuch zur Hochzeit Caspar Kirchners findet sich ein Gedicht von Heinsius, das schon einige Jahre früher geschrieben worden war und daher zum Anlass in keiner Verbindung stand.39 Häufig besteht die einzige Gemeinschaft mit der Wirklichkeit in der Titelangabe des Festes, des Datums und der Feiernden, deren Namen gelegentlich innerhalb des Gedichtes wiederholt werden. Aber auch dieses Band wird oft genug gelöst. Als ein gewisser Henning Georg 1636 den Doktorgrad der Rechte erworben hatte, veröffentlichten seine Freunde eine kleine Schrift mit Lobgesängen, unter denen sich einer von Petrus Brauns befindet,40 den Lund dann in seine deutschen Gedichte aufnahm unter der Überschrift ‘Die Venus singet...’.41 Über den Anlass aber vermerkt er nichts, und der Leser muss seine ganze Aufmerksamkeit aufbieten, um herauszufinden, ob der Preis einem siegreichen Krieger, einem Bräutigam oder einem akademischen Bürger gilt. In Homburgs Clio befinden sich sechs Hochzeitsgedichte, die sicherlich alle zu einem konkreten Anlass verfasst wurden, der Bräutigam aber wird nie mit seinem Namen genannt. Einmal erscheint er als ‘N’, fünfmal als ‘NN’.42 Die Anonymität der Titel wird in den niederländischen Liederbüchern konsequent durchgeführt. Keines der zahlreichen Gelegenheitsgedichte im Bloem-Hof nennt die Adressaten, und wenn ihre Namen in früheren Drucken enthalten waren, so werden sie hier getilgt. In den Nederduytschen Poemata von Heinsius steht ein ‘Troudicht Ter eeren van Daniel de Burchgrave met Anna Oosterlincks’. In Vers 21 wird der Bräutigam noch einmal genannt: ‘Maer Burchgraef wel voorsien...’ Dasselbe Gedicht wurde in den Bloem-Hof aufgenommen unter der allgemeinen Überschrift ‘Trow-Dicht’, und in Vers 21 steht die Variante: ‘Maer ons Bruyd'gom versien...’43 Bezeichnenderweise hat Opitz seiner Übersetzung den namenlosen Text zugrunde gelegt.

Die Beispiele und Zitate reden ein deutliche Sprache, und dennoch lässt sich der komplexe Charakter der Gelegenheitsdichtung nicht eindeutig fassen. Als Glückwunsch, Trostspruch und Nachruf ist sie ein Zeichen der menschlichen Verbundenheit, aber sie gibt sich unpersönlich. Das Ich des Autors tritt meist nur in formelhaften Wendungen hervor wie in der Gratulation an das Paar oder beim Hinweis auf den eigenen ehelosen Zustand. Der Adressat kann durch einfachen Namenwechsel ausgetauscht werden. Die Gelegenheitsdichtung stellt einen grossen Teil des Schrifttums dar, aber sie entspricht weder dem dichterischen Selbstverständnis noch dem angestrebten Schaffensprozess. Die

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theoretischen Forderungen werden aufgehoben durch Bedingungen des sozialen Standes und gesellschaftliche Ereignisse, die dennoch nicht in ihrer jeweiligen Gestalt in der Dichtung vorkommen. Die Werke werden zwar durch ein Ereignis ausgelöst, aber für die Gestaltung ist es nicht konstitutiv. Anlass und Gedicht bestehen nebeneinander und nicht miteinander. Die Distanz zwischen beiden wird nachträglich oft durch die Eliminierung konkreter Bezüge erweitert. In Epithalamien wird nicht irgendein bestimmtes Fest besungen, sondern die Hochzeit an sich, die frei von zeitbedingten und subjektiven Komponenten dargeboten wird. Der Anlass wird als objektives Geschehen betrachtet, zu dessen Feier es neutraler Mittel bedarf. Das geht allein schon daraus hervor, dass es neben den zu bestimmten Hochzeiten verfassten Gedichten solche gibt, die die Bezeichnung zwar im Titel führen, jedoch als literarische Übung anzusehen sind. Sie passen auf jede Hochzeit und charakterisieren keine. Zweckbestimmte und literarische Hochzeitsdichtung unterscheiden sich nicht, und Übergänge von der einen in die andere Art sind keine Seltenheit. Oft ist es so, dass die literarische als allzeit verfügbare Schatzkammer für die zweckbestimmte bereitsteht.

B. Die mythologisch-petrarkistische Hochzeitsdichtung

Opitz Bedeutung für die deutsche Gelegenheitsdichtung ist schon des öfteren hervorgehoben worden. Er hat ihr Würde und Ansehen verliehen und ihrer Ausübung den Weg gebahnt. Der Anfangsstellung war er sich durchaus bewusst. In einem seiner frühesten Hochzeitsgedichte stehen einige Verse, die das Vorgehen, in der Muttersprache zu gratulieren, ausdrücklich zu begründen versuchen:

 
Ihr vielgeliebtes Par/ bitt wollet mir verzeihen/
 
Daß ich (wie gern' ich will vnd soll) nicht kan einweihen
 
Ewer unmüssig Fest mit Römischen Gedicht.1

Rubensohn hat die Stelle falsch gedeutet und daraus gefolgert, Opitz habe damals (1618) ‘deutsche Verse ... noch für minderwertig’ angesehen.2 Die Entschuldigung gilt aber nicht der deutschen Sprache, sondern dem Bruch mit der Konvention des lateinischen Glückwunsches. In einer lateinischen Prosaeinleitung zu seinem ersten deutschen Epithalamium hat Opitz diesen Sachverhalt deutlicher ausgesprochen und mit einem Lob für die deutsche Sprache verbunden:

Libuit autem mihi a more usitato secedere et Teutonice loqui. Quoniam lingua nostra reliquas et puritate aequat, et gravitate procul dubio vincit.3

Opitz is nicht der Begründer, wohl aber der wirkungsvollste Propagandist der muttersprachlichen Hochzeitsdichtung. Krauses Feststellung allerdings, dass ‘die deutsche Gelegenheitsdichtung des 17. Jahrhunderts ... sich weithin in Opitz' Spuren’ bewege,4 trifft für die Epithala-

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mien nur in eingeschränktem Masse zu. In den 30er Jahren kommt eine unten zu besprechende Richtung auf, die mit der der Teutschen Poemata nur noch wenig zu tun hat.

Unter den 14 Gelegenheitsgedichten in Opitz' Erstlingswerk befinden sich 11 zu Hochzeiten verfasste von zum Teil beträchtlichem Umfang. Das ist eine erstaunliche Zahl, wenn man die Kürze der Entstehungszeit bedenkt und den Umstand berücksichtigt, dass Opitz sich noch nicht auf poetische Hilfsmittel wie Schatzkammern stützen konnte.5 Er war ganz auf die eigene Lektüre angewiesen und auf die private Exzerptensammlung, die er dort zusammenstellte, wo sich das Material am einfachsten auffinden und verarbeiten liess. Die meisten seiner Epithalamien sind ganz oder teilweise aus den Nederduytschen Poemata und aus dem Bloem-Hof übersetzt und zusammengestellt.6 Das ist eine relativ begrenzte Grundlage, aber sie war ausreichend, die Muster zu schaffen und den Weg zu weisen, der von vielen Autoren des Frühbarock beschritten wurde. In den meisten Bänden der Zeit stösst man immer wieder auf Hochzeitsgedichte, die den Einfluss von Heinsius und den Niederländern verraten, sei es, dass die Quellen von Opitz vermittelt wurden, sei es, dass die Dichter diese selbst benutzten. Und nicht nur bei seinen Bewunderern und Nachfolgern, sondern auch bei Autoren, die gleichzeitig mit ihm arbeiteten oder nicht unter seinem direkten Einfluss standen, finden sich Anleihen aus der niederländischen Literatur, wie Hudemanns Divitiae Poeticae beweisen. Johann Plavius gehört zu den unermüdlichsten Hochzeitsdichtern des frühen 17. Jahrhunderts und er ist von komparatistischen Gesichtspunkt aus der ergiebigste. Seine Gedichte von 1630 enthalten Epithalamien, die den Nederduytschen Poemata und dem Bloem-Hof entnommen sind, darüber hinaus hat er den Kreis seiner Quellen auf so gegensätzliche Dichter wie Starter und Cats ausgedehnt. Bei ihm kann man am ehesten eine eigenstandige Verarbeitung erkennen, während die Arbeitsweise von Opitz, Kirchner und anderen mit wörtlicher Übersetzung und Zusammensetzung gekennzeichnet ist.

In welchem Umfang die Nederduytschen Poemata und der Bloem-Hof an der Komposition eines Hochzeitsgedichtes beteiligt sein konnten, lässt sich überzeugend an einem Beispiel Caspar Kirchners zeigen. Es wurde 1618 für den Pfarrer Matthaeus Ruttart geschrieben und steht mit Opitz' Gedichten am Anfang deutschsprachiger Epithalamienkunst:

 
Als Juppiter die Welt hat gäntzlich außgemachet,
 
Vnd auff dem Erdenkreyß schon alles grünt vnd lachtet,
 
Wand er sich dreymal vmb, vnd schawet hin vnd her,
 
Ob in dem grossen Hauß irgendt ein mangel wer.
5
Es fehlet noch ein ding: Er ließ ein Thier fürkommen,
 
Das nun fast vberall die Welt hat eingenommen,
 
Ein artiges Gespenst, darnach ein jeder rennt
 
Welches in vnserm Landt ein Jungfraw wird genennt.
 
Ein Thier das vmb den Mund, vornemlich in der Zungen
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10
Tregt ein verborgen Gifft, damit es Alt vnd Jungen
 
Anstecket vnd verblendt, vnd mit eim süssen schmertz
 
Kompt vngewarnter sach gekrochen in das Hertz.
 
Das vns je mehr nachzicht, je mehr wir von jhm fliehen,
 
Vnd je mehr von uns fleicht, je mehr wir jhm nachzihen.
15
Ein freundliche Feindin, ein feindliche Freundin,
 
Die ohne Zauberey verzaubert vnser sinn.
 
O wunderlich gespenst, das vns ohn Fewr entzündet,
 
Vnd ohne Strick vnd Bandt Gemüth vnd Seelen bindet,
 
Welches Bandt nicht zureist vnd ziegen Tausend dran,
20
Welch Fewr Mayn vnd Rhein nimmer verleschen kan.
 
Herr Breutigam jhr köndt mir solches helffen zeugen,
 
Den ein so kleines Fewr so bald hat können beugen,
 
Ein bitter süsses Thier hat euch niedergefellt,
 
Vnd euch in leidig frewd, in frewdig leid gestellt.
25
Jungfraw Anna die schoß die hellgläntzende stralen
 
Von jhrer Augen Sonn, vber deß Sandes thalen,
 
Vber deß Tragheims Berg, vber deß Bobers fluß,
 
Das Liebes Fieber euch von diesem schein anstieß.
 
Der Brand kam in das Hertz, all ewr Gedancken schwommen,
30
Mitten in diesem Fewr, jhr wust nicht zubekommen
 
Zu ewer Kranckheit hülff, noch trost zu ewer pein,
 
Weil alles beides war zu tieff gewurtzelt ein.
 
Wolan Herr Breutigam wolt jhr werden curiret,
 
So schickt nach der die euch in diß elend geführet,
35
Ewer Kranckheit ich gleich Achillis Wunden acht,
 
Die niemand heilen kund, als der sie hat gemacht.
 
Vnd jhr o Jungfraw Braut, wendet das grosse klagen,
 
Kült was jhr habt gebrennt, heilt was jhr habt geschlagen,
 
Wo jhr nicht selber seit deß Krancken Doctorin,
40
So fehret er dahin ohn hülff vnd medicin.
 
Die schöne Nacht kompt an, der Mond sitzt auff den Wagen,
 
Vnd thut mit vollem Lauff deß Himmels Feld durchjagen,
 
Die gülden Lichter hat der Himmel auffgesteckt,
 
Weil sich die Sonn schon längst zu Bette hat gelegt.
45
Wolan es ist nun Zeit, daß jhr ewr Kranckheit stillet,
 
Vnd mit frewden den lauff der ewigkeit erfüllet,
 
Vnd schwitzt das Fieber auß, vnd lindert ewre pein,
 
Die auff kein ander weiß kan recht vertrieben sein.
 
Nun jhr Jungfrawen all, ihr must vns platz verleihen,
50
Weicht die jhr führt die Braut, sie muß ein andern reyen,
 
Nun tröst sie noch zu letzt, gebt jhr den letzten kuß,
 
Das ander das jhr last, der Breutigam thun muß.
 
Nun geht hin Jungfraw Braut, ich will euch Bürgen geben,
 
Daß jhr in diesem streit behalten solt das leben,
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55
Nun fürcht euch nicht so sehr, es hat hie keine noth,
 
Es ist nur schimpff vnd schertz, der streit gilt nicht zum todt.
 
Nun geht hin Jungfraw Braut, legt diesen Nahmen nider,
 
Geht nun ein Jungfraw hin, vnd kompt ein Mutter wider,
 
Geht doch, geht Jungfraw Braut, vnd last das sorgen sein,
60
Ich hoffe, daß gewiß morgen sol besser sein.
 
Secht Venus selber kompt mit jhrem Volck gegangen,
 
Die fliegen hin vnd her vnd tragen groß verlangen,
 
Ein jeder wünschet jhm, daß er die Ehre hett,
 
Daß er die newe Braut möcht führen erst zu Bett.
65
Der erste führt sie fort, der ander thut sehr draben,
 
Vnd macht ins Bett ein Grab, darin er will begraben
 
Die Jungfrawschafft, die nun sehr trawrig sich beweist
 
Vnd soll in kurtzer Zeit auffgeben jhren geist,
 
Der dritte tregt die Kertz, der vierte will auffangen
70
Die Threnen, die die Braut lest rinnen von den wangen,
 
Der fünffte löset jhr den Leibes Gürtel auff,
 
Weil nun die Jungfrawschafft vollbracht hat jhren lauff,
 
Die schöne Venus selbst lacht vber diesen dingen,
 
Vnd wünschet jhr viel glück, vnd heist jhr Kinder singen:
75
Komm Hymen, Hymen komm; sie führet selbst die Braut,
 
Gibt jhr den letzten kuß, vnd singet vber laut:
 
Nun geht, jhr Kinder, geht, vnd schmeckt die süsse gaben,
 
Die Venus vnd jhr Sohn euch eingeschencket haben,
 
Geht hin, jhr Kinder geht, vnd euch holdselig part,
80
Mit lieblichem geküß nach einer Tauben art.
 
Geht hin, jhr zwey, vnd komt widrumb mit ewer dreyen,
 
Geht mit einander an den schönen Liebe-reyen,
 
Vnd bringt herfür ein Thier, das durch der Götter gunst
 
Voll sey der Mutter trew, voll sey deß Vaters Kunst.7

Es ist längst bemerkt worden, dass das Ende (V. 65ff.) eine genaue Übernahme aus Heinsius' ‘Op zijn eygen Bruyloft. Ex persona sponsi’ ist.8 Aber nicht nur aus dieser, sondern aus vier weiteren Quellen schöpft das Gedicht. Die ersten vier Verse gehen auf Heinsius' ‘Aen de Ionckvrouwen van Hollandt’ zurück, die Verse 6-26 auf ein Epithalamium von J.I. Taf im Bloem-Hof (Nr. 44), 29-31 sind Heinsius' ‘Bruyloft Dicht. In't midden van de locht heeft Iupiter een kamer’ entnommen, und in den Versen 33-36 übersetzt Kirchner ein anonymes Gedicht aus dem Bloem-Hof (Nr. 56). Hiermit sind nur die leicht erkennbaren Übertragungen ganzer Verse festgestellt, verbale Übereinstimmungen finden sich allenthalben. Das Mittelstück (V. 41-46) enthält Anklänge an Heinsius' ‘Op zijn eygen Bruyloft’, aber es ist ein in Epithalamien so häufig auftretender Abschnitt, dass sich eine bestimmte Vorlage nur schwer angeben lässt. Nicht allein die blossen Quellenhinweise verdienen Aufmerksamkeit, sondern vor allem das, was sie zur Charakteristik der

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Hochzeitsdichtung beitragen. Kirchners Text ist leicht verständlich, die Verse lesen sich flüssig und hinterlassen einen einheitlichen Eindruck. Man ahnt nichts von der Kompilationsarbeit bei der Abfassung. Wenn aus so vielen Einzelteilen verschiedener Herkunft ein ausgewogenes Werk entsteht, dann bestehen diese Epithalamien aus austauschbaren Bestandteilen, die nach einem bestimmten Schema arrangiert werden.

Wegen dieser Gestaltungsprinzipien erscheint es methodisch wenig sinnvoll, nacherzählende Besprechungen einzelner Hochzeitsgedichte aneinanderzureihen. An Hand des Aufbaus und der Bildlichkeit petrarkistisch-mythologischer Epithalamien sollen hier die Elemente vorgestellt werden, bei deren Vermittlung die Niederländer eine Rolle gespielt haben. Durch diese Beschränkung wird zwar nur eine Art der Hochzeitsgedichte erfasst, aber sie ist die im frühen 17. Jahrhundert verbreitetste. Es wird von zwei Voraussetzungen ausgegangen. Hochzeitsgedichte sind in hohem Grade eine Nachahmungskunst, deren Gliederung in vielen Fällen einer bestimmten Ordnung unterliegt. Die Motive sind nicht spezifisch für die Gattung, sondern wurden auf sie übertragen. Das ergibt sich allein schon aus dem Umstand, dass neben den Hochzeitsgedichten von Heinsius seine gesamte Liebespoesie ausgeschrieben wurde.9

Kirchners Gedicht ist beispielhaft für eine grosse Anzahl frühbarocker Epithalamien. Der Aufbau folgt der Dreigliedrigkeit von ‘praepositio’, ‘applicatio’ und ‘conclusio’,10 die vielen Hochzeitsgedichten zugrunde liegt: Schaffung der Jungfrau, ihre Wirkung auf den Menschen und besonders auf den Bräutigam, Ratschläge zur Heilung der Liebesqual und Hinweise auf die Hochzeitsnacht. Dem entspricht der zeitliche Ablauf: einleitend wird mit der Vorgeschichte Vergangenheit nachgeholt, der leidvolle Zustand der Gegenwart, die Aussicht auf Erfüllung in der nahen Zukunft. Eine göttliche Handlung steht häufig am Anfang. Sei es, dass Phoebus die Welt mit seinen Strahlen erneuerte und die sympathisierende Natur das Brautpaar umgibt, sei es, dass Aurora und Natura oder der oberste der Götter die Jungfrau geschaffen haben. Jupiter entdeckt beim Anblick der Welt einen Mangel, den er durch das ‘wunderthier’ Jungfrau behebt. Sie zeichnet sich durch einen eigentümlichen Sinn und verschlagene List aus, vor allem aber durch ein sonderbares Gift, das sie bald zur Herrscherin der ganzen Erde macht. Die Motive waren in niederländischen Epithalamien sehr beliebt und haben über Kirchner und Opitz den Weg in die deutsche Dichtung gefunden.11 Sie erfüllen die Funktion einer Exposition als Voraussetzung und Ausgangspunkt für das Folgende.

Den Mittelteil füllt meist eine längere Beschreibung über das Entstehen und die Wirkung der Liebe. Aus der Götter Schar bestimmen nun Venus und vor allem ihr Sohn Cupido das Geschehen. Niemand wird in der erotischen Poesie so oft beschrieben, angezweifelt, gelobt und verdammt wie Cupido, und dennoch erhält er keine eindeutigen Konturen. Gestalt und Wesen sind voller Widersprüche. Als ein Kind ist er Herr der Erde, Prinz der See und König der Luft.12 Er ist klein, aber gross

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von Macht, unsichtbar und doch allgegenwärtig, wandlungsfähig wie ein Chamäleon und unermüdlich im Auffinden stets neuer Tätigkeiten, die für die Menschen eine immerwährende Gefahr bedeuten. Fast alle Autoren haben ihre Erfindungskunst an Cupido erprobt und nicht selten ein unverbindliches Spiel mit ihm getrieben. Aber selbst da, wo er nur als literarisches Requisit auftritt, scheint noch etwas von seiner tieferen Bedeutung durch: Er ist Urheber und zugleich Sinnbild der allmächtigen und leidvollen Liebe. Opitz hat die Deutungen Cupidos aus dem Bloem-Hof übernommen und dabei die schmerzvolle Seite hervorgekehrt.13 Und er hat ihn nach einem Gedicht im Thronus Cupidinis als Jäger dargestellt, der die ganze Welt, Götter und Menschen, in seinen Bann zwingt:

 
Götter vnd Göttinnen musten
 
Nach des Kindes Willen gehn,
 
Alle Menschen wurden innen,
 
Wie Cupido sehr geschwindt,
 
Wie er jhren Muth vnd Sinnen
 
Mit dem Pfeil regieren künt.14

Auf der Jagd kann Cupido mit Bogen und Pfeilen seine wirksamsten Waffen einsetzen. Die Spitzen sind mit einem jungfräulichen Gift bestrichen, das auf den Verwundeten unterschiedliche Wirkungen ausübt.15 Ihre Ziele sind Herz, Sinn und Seele. In Heinsius oben behandeltem Gedicht ‘Het Sterfhuys van Cupido’ gehören sie zur Hinterlassenschaft und werden ausführlich beschrieben. Köler und Lund benutzten das Motiv für ihre Hochzeitsdichtung, und auch bei Plavius und Rist ist es in demselben Zusammenhang anzutreffen. Letzterer lässt die Vorlage von Heinsius noch deutlich erkennen:

 
Er hat viel tausendt Jahr sein Kauffmannschafft getrieben/
 
Die bloß vnd schlecht besteht in rechter Kunst zu lieben.
 
Die Wahren/ die der Schalck sonst zu verkauffen pflegt/
 
Sind Pfeile/ die er stets im Köcher mit sich trägt:
 
Der ein ist wunder süss mit Honigseim geschmieret
 
Dadurch so manches Hertz ist jämmerlich verführet/
 
Der ander is gedunckt in schwarz vnd bittre Gall
 
Bringt dem/ der schläffrig liebt sehr offtermahls zu Fall.
 
Der dritt' ist voller furcht/ der vierdte lauter hoffen/
 
Der fünffte Lust vnd Frewde wol dem den dieser troffen!
 
Der sechste brent wie Fewr/ der letzt ist ohne Rath/
 
Oh weh der armen Seel/ die der verwundet hat!16

Cupido ist blind und tut selten einen gesegneten Griff ins Arsenal, für den Getroffenen Anlass genug, seine Empfindungen zu beklagen. Eine ausgewogene Seelenlage ist ihm von nun an fremd. So verschieden die Beschaffenheit der Pfeile ist, so gegensätzlich sind ihre Wirkungen. Die Liebeserfahrung schwankt zwischen Extremen: bitter-süss, Galle-Honig,

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Leben-Tod. Besonders Plavius hat sich darin hervorgetan, in immer neuen Antithesen die seelische Ausweglosigkeit darzustellen. Geist und Verstand weichen einem Taumel, der der Wissenschaft eine Absage erteilt. Der Liebende ist von Fluchtgedanken erfüllt und fühlt sich gleichzeitig von der Geliebten angezogen. Ihr Verhalten ist durch ‘liebliche Gewalt’ charakterisiert,17 wobei der Nachdruck auf ihrer Härte und Unnahbarkeit liegt. Heinsius blickt auf den Kreislauf der Natur, auf den Wechsel von Tag und Nacht. Alles habe seine abgemessene Zeit, aber:

 
Twee dingen blijven vast: u wreetheyt en mijn lijden.
 
Mijn lijden blijft altijt, en d'oorsaeck van mijn pijn
 
V onbeweeglick hert moet sonder ende sijn.18

Sie ist die Herrscherin seines Lebens. Von Venus erhielt sie den Auftrag: ‘te voeren in de handt den sleutel van ons leven.’ Dieser Vers von Heinsius, der die völlige Unterwerfung des Mannes zum Ausdruck bringt, findet sich dann wörtlich und mit Abwandlungen bei Opitz, Hudemann und Plavius.19 Von entrückter Erhabenheit ist ihre Gestalt. Eine Anhäufung dinglicher Kostbarkeiten, wie Elfenbein, Perlen, Gold, Koralle, Zedernholz und andere dienen zur Beschreibung einzelner Körperteile; kosmische und mythologische Vergleiche geben den Standpunkt an, von dem aus die Braut beurteilt werden muss. Ihre Augen erstrahlen heller als der Glanz der Sterne, und sogar Helena muss hinter ihrer Schönheit zurückstehen. Aber der Liebreiz hat auch seine Kehrseiten. Er kann sich in scharfe Waffen verwandeln und zu Schwertern, Lanzen und Stricken werden. Als Musterbeispiel dieser Art sei an das mehrfach ins Deutsche übertragene Gedicht ‘Solvi non possum nisi magis constringar’ erinnert.20

Die Beispielreihe liesse sich fortführen. Die Motive entstammen dem Petrarkismus und finden sich gleichermassen in der Liebespoesie wie in der Hochzeitsdichtung. Pyritz hat sie an Flemings Lyrik ausführlich beschrieben. Er bezeichnet Heinsius als ‘den getreuesten Schildhalter des Petrarkismus und vermöge seiner Autorität zugleich dessen erfolgreichster Propagandist.’21 Die mehrfache Übertragung einiger ausgesprochen petrarkistischer Gedichte aus den Nederduytschen Poemata zeigt, wie stark er auf diesem Gebiet gewirkt und zur Nachahmung angeregt hat. Opitz' Gedicht ‘An das Armband’ und Rists ‘An den Ring...’ verraten deutlich die Kenntnis von Heinsius Pretiosen-Ausdeutung auf den güldenen Zahnstocher.22 Sie ändern zwar den Gegenstand, behalten jedoch das Schema der Anrufung und Ausdeutung bei. Die von Pyritz angeführte Autorität ist allerdings keine befriedigende Erklärung für den Einfluss von Heinsius auf diesem Gebiet, sie ist vielmehr in der Struktur seines Patrarkismus' selbst zu suchen. Es gab in den Niederlanden bedeutendere Liebesdichter, von denen P.C. Hooft an erster Stelle zu nennen wäre. In dem von Opitz übersetzten Gedicht ‘Leytsterren van mijn hoop’ werden die traditionellen Motive durch Quer- und Rückverbindungen aufeinander bezogen und zu einer gedanklichen Ein-

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heit zusammengefügt. Smit hat die Übersetzung von Opitz analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es ihm nicht gelungen ist, die Virtuosität des petrarkistischen Spiels wiederzugeben.23 Heinsius verfährt geradliniger als Hooft. Er bedient sich hauptsächlich der reihenden Aufzählung petrarkistischer Antithesen, deren Glieder stets nahe beieinander stehen und die daher leicht durchschaubar sind. Der grösste Teil seiner Liebesdichtung ist nach diesem Plan angeordnet, der den Übersetzer vor keine grossen Schwierigkeiten stellte und ihm den Zugang zu einem soliden Bestand der geläufigsten Motive öffnete. Diese Eigenschaften machten die Nederduytschen Poemata zu einem Lehrbuch des muttersprachlichen Petrarkismus. Heinsius hatte damit einen grossen Anteil an seiner Verbreitung. Jeder konnte sich seines Vorrats bedienen, und die deutsche Literatur des Frühbarock zeigt, dass dies in reichlichem Masse geschehen ist. Die petrarkistischen Motive füllen aber nicht nur seine Liebes-, sondern auch seine Hochzeitsdichtung, und deutsche Nachfolger haben beide Gattungen für ihre Epithalamien benutzt. Das Gedicht ‘Aen de Ionckvrouwen van Hollandt’ bildete ein unerschöpfliches Reservoir für deutsche Gebrauchskünstler. Es wurde von einem Anonymus vollständig, von Opitz zum grössten Teil und von vielen anderen auszugsweise für Hochzeiten übersetzt.24 Heinsius hat damit nicht nur zur Verbreitung des Petrarkismus beigetragen, sondern auch zur Auflösung des petrarkistischen Systems. Im Pegnesischen Schäfergedicht findet sich anlässlich einer Doppelhochzeit ein poetischer Dialog, in dem die leidvolle Liebe der erfüllten und beständigen in der Ehe gegenübergestellt wird: ‘Es ist ein grosser Vnterschied zwischen Bulen- und Ehelichen Lieben...’25 Die jeweiligen Darstellungsmittel müssen daher verschieden sein. Überträgt man Motive von der petrarkistischen Lyrik auf die Hochzeitsdichtung, so muss das zur Auflösung des ursprünglichen Zusammenhangs führen. Allgemeine Verfügbarkeit des Petrarkismus und seine Verwendung in Epithalamien gehören zu den wesentlichsten Voraussetzungen des Antipetrarkismus.26 Heinsius ist nicht nur der erfolgreichste Propagandist des Petrarkismus in Deutschland, sondern auch ein wirkungsvoller Förderer des Antipetrarkismus. Es wird nun die Aufgabe sein, neben der Übertragung petrarkistischer Motive weitere Erscheinungsformen des Antipetrarkismus in der Epithalamienkunst zu untersuchen. Sie stellen sich dar als Umkehrung der petrarkistischen Motive und mythologischen Figuren, als Gegenüberstellung petrarkistischer und ehelicher Liebe, häufig als Kontrast zwischen Dichter und Bräutigam gestaltet, und schliesslich als Relativierung des petrarkistischen Gehalts durch die Schilderung der Hochzeitsnacht.

Die Umkehrung der Motive lässt sich an dem Gedicht ‘Ex persona sponsi’ zeigen, das Heinsius auf seine eigene Hochzeit schrieb27 und das von grossem Einfluss auf die deutsche Dichtung war. Es nimmt im Werk von Heinsius eine besondere Stellung ein. Die Hochzeit fand 1617 statt, als die Nederduytschen Poemata bereits erschienen waren. Zwischen beide Daten fällt die Veröffentlichung des Lofsanck van Iesus

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Christus mit einem Widmungsgedicht an Jacob van Dyck, in dem die programmatischen Verse stehen:

 
DE vruchten van de jeucht, de soetheyt van het minnen,
 
Een rechte toovery, van ons en onse sinnen,
 
Is nu met ons geweest. Ick late Venus gaen,
 
En met het blinde kint zijn blinde wercken staen.
 
Den hemel eyst het zijn.28

Die Absage an die petrarkistische Liebesdichtung ist nicht nur durch die Stellung vor einem christlichen Lobgesang verursacht, sie ist tatsächlicher Ausdruck von Heinsius' Entwicklung als eines holländischen Dichters. Er hat danach keine Liebespoesie mehr in der Muttersprache verfasst, und in dem Gedicht ‘Ex persona sponsi’ findet sich eine biographische Begründung. Alles was ihm Erato, die Muse der Liebesdichtung, eingegeben habe, sei in der Braut verwirklicht (V. 9-12). Damit werden dem petrarkistischen System zwei zuwiderlaufende Elemente eingeführt: die Erfüllung der eigenen Wünsche und die Übertragung der petrarkistischen Attribute auf die Ehefrau.29 Ihr Tugendkatalog wird im Gegensatz zu den wollüstigen und törichten Liebhabern aufgebaut und ins Bürgerliche gewendet: Treue, Weisheit und Grossmütigkeit zeichnen sie aus, sie bleibt der Strasse fern und ist die Freude ihrer Eltern. Sie harrt nicht in spröder Unnahbarkeit, sondern sucht eine gleichgesinnte Seele (V. 32). Solche Voraussetzungen schaffen ein Liebesband, das keiner zeitlichen Begrenzung unterworfen ist. Der petrarkistischen Unbeständigkeit wird die Ewigkeit entgegengesetzt. Der unerhörte Liebhaber erhofft sich vom Tod eine Befreiung seiner Leiden, Heinsius dagegen bietet den mythologischen Apparat der Unterwelt auf, um die Unlösbarkeit der ehelichen Verbindung zu zeigen (V. 33-36). Das petrarkistische System kennt die Gegenüberstellung von liebender Natur und unnachgiebiger Geliebten; hier wird die äussere Umgebung aufgefordert, an der Freude des Paares teilzunehmen (V. 41-49). Und schliesslich steht der sinnesverwirrenden Wirkung der Liebe die Hoffnung gegenüber, durch die eheliche Gemeinschaft zu wissenschaftlichem Ruhm zu gelangen. Die einzelnen Bestandteile dieses Hochzeitsgedichtes orientieren sich an petrarkistischen, um sie in bewusster Umkehrung der biographischen Situation anzupassen.

Der Umdeutung unterliegen auch die mythologischen Gestalten, wie sich am besten an Cupido zeigen lässt. Es ist das einzige Mal in Heinsius' niederländischem Werk, dass Cupido menschenfreundliche Züge annimmt, seine Blindheit ablegt und den richtigen Pfeil findet (V. 1-8). Die Emblemata amatoria in den Nederduytschen Poemata tragen die Überschrift ‘Het ambacht van Cupido’, was mit das Handwerk des Cupido zu übersetzen wäre. Auf den Stichen wird er dargestellt als Ball-, Würfel-, Reif- und Kreiselspieler; er betreibt das Handwerk eines Küfers, Spinners, Schreiners; als Bauer sät und drischt er, seine Geschicklichkeit stellt er als Schlittschuhläufer und mit einem Handstand unter Beweis.

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Daneben betätigt er sich auch in anspruchsvolleren Professionen: Er ist Schiffer und Krieger ebenso wie Maler und Gelehrter. Die Unterschriften sind meist zweiteilig aufgebaut: nach der Beschreibung des Bildes werden die Tätigkeiten uf die Liebe gedeutet und Ermahnungen vor ihren Gefahren erteilt. Das Würfelspiel steht für die Unsicherheit und die Seifenblasen für die Unstetigkeit, der Handstand verbildlicht die Orientie-rungslosigkeit des Liebenden und das Ballspiel seine Unrast. Die Unterschriften haben ihre Wirkung auf die deutsche Literatur nicht verfehlt. Fleming hat zwei von ihnen übersetzt,30 und einzelne Verse finden sich immer wieder in deutschen Epithalamien. Köler preist in einem Hochzeitsgedicht ‘Cupido Chamaeleon und Proteus’ die Verstellungskünste, und er beruft sich dabei auf Heinsius: ‘... was in Leiden klang/ Heinß von der Galatéé sampt seinen Sinnebildern.’31 Plavius hat für eine Vermählung einige Eigenschaften Cupidos mit einem ausdrücklichen Hinweis auf Heinsius aufgezählt:

 
Der kleine Venus-sohn/ d'vormahls war ein fischer/
 
Ein binder/ schlächter/ koch/ ein schiffer/ schnitzer/ tischer
 
Balbierer/ mahler/ schmid/ student vnd kriegesmann/
 
Der alle könste trieb/ die mann vnd frawe kann.
 
Als jhn der Gentsche schwan/ nicht minder weiss/ als weise/
 
Den's hohe Niederlandt zu sein selbst hohem preise
 
Hochhält/ beschrieben hat/ der handelt nu mit holtz.32

Er hat sich davon anregen lassen und den Katalog um einige Bereiche erweitert. Damit steht er nicht allein. Man bot seinen ganzen Witz auf, um neue geistreiche Tätigkeiten zu erfinden. Mit Cupido stand dem Hochzeitsdichter eine Gestalt zur Verfügung, deren Wirkung unbegrenzt war und die man leicht den jeweiligen Bedürfnissen anpassen konnte. Man wählte dafür meist einen spielerischen Ton, der dem freudigen Anlass entsprach. Aber die Anpassung bewirkt eine Abwendung von den Heinsiusschen Emblemata, die sich an den Gedichten von Köler und Plavius zeigen lässt.

Köler beginnt mit einer umfangreichen Einleitung über die Wandlungsfähigkeit Cupidos, der sich bei einem Buchhändler, dem Bräutigam Blumendorff, eingeschlichen und die Hauptwerke der Liebesdichtung verlangt habe. Während des Handels beginnt der Händler selbst in den Werken zu lesen und verfällt einer schleichenden Krankheit, die umso stärker wird, je fleissiger er studiert. Als alle ärztliche Kunst versagt, erscheint Cupido im Traum und erteilt Ratschläge für die Heilung:

 
Ich wil dir wieder auch mit meiner heilbarn Hand
 
Benehmen alle Pein vnd leschen deinen Brand.
 
............................
 
Kein bessere Recept kan ich dir hier verschreiben,
 
Als daß sich eines mag ins Ander einverleiben.
 
Daß zweyer Lieben-Hertz in eines sey gefaßt;
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So wird gelindert euch die schwere pein vnd last.
 
Ich will euch noch zu letzt hier Heirats-Regeln geben,
 
Daß Ihr in lieb vnd trew beysammen möget leben.33

Aus dem Schalk, der die Liebe zwar entzündet, die Liebenden aber hilflos zurücklässt, ist hier der Stifter der Ehe geworden. Noch ausgefallener als Köler hat Plavius Cupido als Ehegründer dargestellt. In dem oben zitierten Gedicht tritt er als Holzhändler auf. Über drei Viertel des Raumes beansprucht die Beschreibung der Ware. Sie ist das kostbarste Edelholz der Welt, das aus dem Feuer entsprossen ist und im Feuer grünt. Es entzündet Brand, ohne selbst zu verbrennen. Von ihm geht eine heilsame Wirkung auf alle körperlichen und seelischen Leiden aus:

 
Es stillet alles weh/ vnd vngemach der frawen.

Die Braut hat ein solches Edelholz von Cupido erworben, und mit Gottes Hilfe wird sie sich viele Jahre an seinem Feuer wärmen. Die Erklärung für den rätselhaften Handel findet sich in der Überschrift: der Name des Bräutgams lautet ‘Abraham Eelhout oder Edelholtz.’34 Nicht anders verhält es sich in einem allegorischen Hochzeitsgedicht von Palvius, in dem Cupido das Handwerk eines Goldschmiedes betreibt.35 Sein Amboss ist das Herz, der Blasebalg die Wünsche der Jugend, das Feuer die Liebe und - deutlich auf die Ehe hinweisend - der Stempel die Beständigkeit. Das Ergebnis seiner Arbeit ist die vollkommene Jungfrau. Der Bräutigam aber betreibt ebenfalls die Goldschmiederei, und er ist bei Cupido in die Lehre gegangen. Er kann eine ebenso vollkommene Frau schaffen, mit der er in steter Freude leben wird.

Es soll hier weder über das forcierte Pointenspiel mit Namen und Berufsbezeichnungen, noch über den künstlerischen Wert solcher Verse geurteilt werden. Vielmehr gilt es, die Wandlungen in der Gestalt Cupidos festzuhalten. Obwohl sich Köler und Plavius in ihren Gedichten auf Heinsius' Emblemata berufen, haben sie charakteristische Merkmale nicht nur aufgegeben, sondern durch ihr Gegenteil ersetzt. Bei Heinsius ist die Vielseitigkeit nicht zuletzt ein Zeichen dafür, dass Cupido in alle Lebensbereiche eindringen und dort Leid stiften kann. Die bittere Liebeserfahrung steht in allen Emblemen im Vordergrund. Der stärkste Ausdruck dieser Lage findet sich im zehnten, das Fleming übersetzte: der Liebende befindet sich auf einer immerwährenden Marterbank, und Cupido ist sein Scharfrichter. Die Aussichtslosigkeit seiner Situation zeigt sich an Bildern, auf denen ein Vogel im Käfig oder ein Pferd in der Tretmühle dargestellt werden. Dem liebesfeindlichen Cupido steht in den Hochzeitsgedichten von Köler und Plavius ein hilfreicher gegenüber, der seine Vielseitigkeit nicht für leidbringende Listen, sondern zur Rettung gebraucht. Er verrrät im Traum oder verkauft als Händler die Heilmittel und weiht den Bräutigam in seine Künste ein. Sein Ziel ist es, die Ausweglosigkeit der Liebesempfindung aufzuheben und zur Erfüllung in der Ehe zu führen. Das aber ist eine antipetrarkistische Umkehrung der

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Funktionen Cupidos ins Bürgerliche, und Köler geht wohl am weitesten in diese Richtung, wenn er ihn christliche Eheregeln verkünden lässt.

Die Darbietung des Liebesthemas in Epithalamien wird meist aus zwei Grundmodellen heraus entwickelt: die bewusste Umkehrung der petrarkistischen Motive wie in Heinsius' ‘Ex persona sponsi’ und der Gestalt Cupidos oder als Kontrast zum Petrarkismus. Die leidvolle Erfahrung des Dichters wird mit dem Glück des Bräutigams verglichen, und die Hochzeit bildet zu seiner Lage ein Gegenbild, das er preist und herbeiwünscht.36 Oder die Liebesqual des Bräutigams wird als Vergangenheit oder bald beendeter Zustand dargestellt. In beiden Fällen ergibt sich eine ins Bürgerliche weisende Entfernung vom Petrarkismus. Das Kontrastschema ist das am häufigsten angewandte Aufbauprinzip frühbarocker Epithalamien, und auch alle aus dem Niederländischen entnommenen in den Teutschen Poemata folgen ihm. Aber selten handelt es sich um eine ausgewogene Gegenüberstellung. In dem umfangreichen ‘Hochzeit Gedichte’ (Nr. 100) z.B. werden auf mehr als vier Fünftel des Raumes die Geburt von Venus und Cupidos Allmacht ebenso breit dargestellt wie ihr Eindringen in das Leben des Bräutigams, der seine qualvolle Lage in einer lyrischen Einlage selbst beklagt. Erst die abschlies-senden Verse beziehen sich auf die Hochzeit.37 Die Motive sind zu einem grossen Teil dem Petrarkismus entnommen, sie werden aber ihrer ursprünglichen Funktion entkleidet, indem sie in den thematischen Zusammenhang der Ehe gestellt werden. Das quantitative Übergewicht der petrarkistischen Seite spricht nicht gegen diese Feststellung. Die Verdrängung des Anlasses wirkt wie die Retardierung des Umschlags zur Hochzeit, der zu den festen Bestandteilen in Epithalamien gehört. Er leitet die Abkehr von der buhlerischen und die Hinwendung zur ehelichen Liebe ein. Die Genesung vom Leid kann nur durch die Ursache selbst herbeigeführt werden. Plavius hat ihm die allgemeinste Form gegeben: ‘Daß/ was vns hat verwundt/ auch heilet wieder zu.’ Andere haben ihn mit mythologischen und medizinischen Anspielungen versehen.38 Auf den Umschlag hin ist der petrarkistische Teil zugespitzt; je breiter dieser ausgeführt wird, umso stärker wirkt die Aufkündigung. Das verbindet sie mit der in der rational geprägten Barockdichtung beliebten Pointe,39 es ergeben sich aber auch bezeichnende Unterschiede. Der Umschlag erfolgt nicht als Überraschung. Durch die Kenntnis des Anlasses erwartet ihn der Leser und relativiert von Anfang an das petrarkistische System. Er entbehrt der geistreichen Kürze und steht als Einleitung zur Schilderung der Hochzeitsnacht, die in der Regel das Ende eines Hochzeitsgedichtes bildet. Auch für diesen Abschnitt haben die Niederländer häufig nachgeahmte Muster bereitgestellt. Er handelt von der sinnlichen Erfüllung der langgehegten Wünsche.

Verwendung petrarkistischer und mythologischer Motive oder ihre Umkehrung, Auflösung des petrarkistischen Systems durch das Kontrastschema und die Schilderung der Hochzeitsnacht, das sind die wesentlichen Kennzeichen dieser Epithalamien. Als gattungsbestimmendes

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Merkmal ergibt sich daraus, dass sie die Hochzeit ausschliesslich als erotisches Ereignis darstellen. Das hat ihnen immer wieder den Tadel strenger Kritiker eingebracht, die die ‘deutlichen Anzüglichkeiten’ verwarfen.40 Neuere Beurteilungen ziehen eine Verbindung zum Leben des Autors und betrachten rhetorisierte Hochzeits- und Liebesdichtung als Erlebnisdichtung. Für die ‘Frivolität’ machen sie den libertinistischen Geist der Zeit verantwortlich.41 Aber der Vorwurf wird weder frühbarocken Epithalamien gerecht, noch ist die Begründung richtig. Die Problematik war auch im 17. Jahrhundert aktuell. Schon in Tschernings Poetik findet sich eine ähnliche Beanstandung:

Was wil man aber hier sagen von den groben garstigen zoten und reden/ welche bisweilen die Poeten ... in Hochzeitgetichten leicht-sinnig ausspeien/ dafür sich ein gottesfürchtiger Christ vielmahl entsetzen muß.42

Er widerspricht mit Nachdruck der Trennung von Dichtung und Leben, die Catull in einem Epigramm ausgesprochen hatte:

 
Im leben keusch zu sein gebühret den Poeten
 
Was ihren Vers betrifft/ da ist es nicht von nöhten.43

Damit lehnt Tscherning auch Catulls Hochzeitsgedichte mit ihren offenen Anspielungen auf die Vereinigung des Brautpaares ab. In seinen eigenen Epithalamien wird man die ‘Zoten’ vergeblich suchen. Der Grund für diese Haltung lässt sich an Buchners Schriften ablesen, auf die Tscherning zurückgeht. Der Wittenberger empfindet es nicht nur als Schaden für die edle Dichtkunst, wenn die Autoren ‘ihre Sachen mit geilem wesen und schandbahren Worten anfüllen’,44 er sieht darin auch eine Spiegelung der Person des Dichters:

Ich gläube aber schwerlich daß der jenige wie Cato leben könne/ so wie Catullus zu schreiben pfleget ... Gewißlich von was für einem Geist wir getrieben werden/ so schreiben wir auch/ und ist die Rede gemeiniglich ein Mahl und Kennzeichen des Gemüths und sinnes.45

Die Zitate stehen repräsentativ für eine Betrachtungsweise, die in der Dichtung ein Bekenntnis des Autors erblickt und aus ihr Rückschlüsse auf sein Leben zieht. Dass diese Ansicht nicht nur von vereinzelten Kritikern vertreten wurde, zeigen die apologetischen Passagen in theoretischen Ausführungen, die gegen eine biographische Deutung der ‘amatoria’ Stellung nehmen. Heinsius beruft sich in den Poemata latina auf das Vorbild der bedeutendsten Dichter, die ihre Liebespoesie als Stilübung betrieben hätten; Opitz und Rist sind ihm darin beinah wörtlich gefolgt:

Sie (i.e. die Kritiker) wissen nicht/ unnd wollen nicht wissen/ das in solchen Gedichten offte eines geredet und ein anderes verstanden wird/ ja das jhm der Poet die Sprache unnd sich zu uben wol fur-nimpt/ welches er in seinem Gemüte niemals meynet.46
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Die Gegenposition steht in der Tradition von Catulls Epigramm.47 Sie stellt - unterstützt durch die Autorität von Heinsius und Opitz - eine weitverbreitete Auffassung im Frühbarock dar. Auch bei der Schilderung der Brautnacht muss man die Distanz zwischen Dichtung und Leben beachten. Kaum je enthält der Schlussteil individuelle Züge, statt dessen trifft man wenige Elemente in zahlreichen Variationen an, die oft noch an antike Hochzeitsbräuche erinnern.48 Das Paar zieht sich ins Brautgemach zurück; Hymen wird herbeigerufen, und Cupido ist sein Türhüter. Das Liebesgeschehen wird als Krieg gesehen und mit martialischen Metaphern beschrieben. Doch der Streit ist ohne Blut und führt nicht zum Tode, sondern ins Leben. Der Jungfrauenschaft wird ein freudiger Nekrolog gehalten, dem eine Anspielung auf die bald zu erwartende Nachkommenschaft folgt. Heinsius' Gedichte, die die Kenntnis von Catulls 61. und 62. ‘carmen’ verraten, und solche aus dem Bloemhof sind die Vorlagen für eine ganze Reihe deutscher Epithalamien. Und das spricht dafür, dass eine existentielle Interpretation unangemessen ist.49

Wenn man in frühbarocken Epithalamien stets auf denselben Aufbauplan stösst und auf einen beschränkten Schatz mythologischer und petrarkistischer Bildlichkeit, dann lässt sich das weitgehend mit der Auswahl der Nederduytschen Poemata und das Bloem-Hofs als den Hauptquellen erklären. Die Bedeutung der niederländischen Autoren liegt aber nicht so sehr in der Bereitstellung stofflicher Elemente, die allgemeiner Besitz waren, sondern darin, dass sie den Inhalten eine mutter-sprachliche Form gaben, die von deutschen Dichtern leicht übernommen werden konnte. Sie haben damit die Voraussetzung für eine Gattung geschaffen, die sich durch äussere Fertigkeit auszeichnet. Handhabung der Formeln, Arrangierung der Bestandteile und vor allem wörtliche Übersetzung sind die Werkzeuge für die Abfassung eines mythologisch-petrarkistischen Hochzeitsgedichtes. Man kann sich einen ideenreicheren Schaffensprozess denken, und viele werden eine abwechselungsreichere Sprachkunst wünschen, als sie in Epithalamien anzutreffen ist. Aber so, wie sie in den Bänden der Zeit stehen, gehören sie zu den Kennzeichen der Epoche. Wollte man sie verurteilen, hiesse das, einen grossen Teil des Schrifttums verwerfen, das zur Legung der Fundamente und zur Übung der Sprache beitrug. Verwandlung und Aneignung sind diesem Zeitraum noch fremd. Aber schon da, wo die engen Bahnen der mythologischen und petrarkistischen Bildlichkeit verlassen werden, zeigen sich die Anzeichen einer selbständigen Bearbeitung.

C. Daniel Heinsius' ‘Trouw-Dicht. De Schippers die de Zee met kielen scherp doorsnijden’ und die deutschen Bearbeitungen

Es gehört zu den Merkmalen der mythologisch-petrarkistischen Hochzeitsgedichte, dass die Leiden bis zur Brautnacht ausführlich geschildert werden, die Ehe aber unerwähnt bleibt. Und wenn andeutungsweise von ihr die Rede ist, bedient man sich häufig eines Motivbereichs, der zu den

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verbreitetsten in der deutschen Dichtung des frühen 17. Jahrhunderts gehört. In Opitz' Gedichten begegnet man der Vorstellung von der Ehe als von einem rettenden Hafen:

 
HErr Breutigam jhr nahet
 
Euch auch zu gutem Port,
 
Als jhr das Liecht ersahet
 
Von ewres Hertzen North,
 
Fahrt hin, jhr seid begriffen
 
Von gutem Westenwind,
 
Wol dem, der nach dem schiffen
 
Ein solches Vfer findt.1

Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese Verse auf ein ‘Trouw-Dicht’ von Heinsius zurückgehen, das Opitz vollständig übersetzt und das weitere Nachfolger im frühen 17. Jahrhundert gefunden hat. In ihm werden das Meer und die Seefahrt beschrieben und allegorisch auf Liebe und Ehe bezogen. Zum besseren Verständnis des Gedichtes und der deutschen Bearbeitungen ist es förderlich, einige der verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten des Motivs zu betrachten.

Die Schiffahrt mit all ihren unvorhersehbaren Gefahren und willkürlichen Bedrohungen, denen der Seemann machtlos ausgeleifert ist, wurde seit der Antike immer wieder zur Deutung für die Wechselfälle des menschlichen Lebens herangezogen.2 Die Unbeständigkeit verbindet den Motivbereich mit dem Fortuna-Komplex, und auch diese Beziehung hat ihren Ursprung in der Antike. Hesiod zählte die Tyche-Fortuna unter die Töchter des Oceanus, und nach Pindar gehörte neben dem Staats-und Kriegswesen die Seefahrt zu ihren Machtbefugnissen, deren Geschicke sie unberechenbar zum guten Abschluss oder zum Schiffbruch führte.3 Das Doppelwesen der Fortuna als Bringerin von Glück oder Leid und ihre Gemeinschaft mit der Seefahrt haben sich bis in die Renaissance erhalten. Emblematische Darstellungen zeigen die Göttin mit einem geblähten Segel in den Händen auf dem Lebensschiff stehend oder vor einem Seehintergrund abgebildet, der durch ihre aufrechte Gestalt geteilt wird. Auf der einen Seite befinden sich die glücklichen Seeleute mit prächtig ausgestatteten Booten, auf der anderen klammern