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VII Die Nederduytschen Poemata in Deutschland

Die Gedichte des Heinsius wurden zunächst hauptsächlich durch die Vermittlung von Martin Opitz (1597-1639), der den berühmten Gelehrten im Oktober 1620 in Leiden besuchte, in Deutschland bekannt. Doch läßt sich schon 1614, zwei Jahre vor dem Erscheinen der Nederduytschen Poemata, eine anonyme Übersetzung

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der erstmalig 1607 veröffentlichten ‘Elegie, ofte Nacht-klachte’ (S. 44-47) feststellen.81 Auf der Rheinfahrt von Heidelberg nach den Niederlanden verfaßte Opitz ein lateinisches Huldigungsgedicht ‘Ad Danielem Heinsium,’82 dann würdigte er insbesondere dessen Bedeutung mit den bekannten Versen ‘Vber des Hochgelehrten vnd weitberümbten Danielis Heinsii Niderländische Poemata:’

 
Was Aristoteles, was Socrates gelehret,
 
Was Orpheus sang, was Rom von Mantua gehöret,
 
Was Tullius gesagt, was jergendt jemand kan,
 
Das sicht man jetzt von euch, von euch, jhr Gentscher Schwan.
 
Die Teutsche Poesy war gantz vnd gar verlohren,
 
Wir wusten selber kaum von wannen wir geboren,
 
Die Sprache, vor der vor viel Feind erschrocken sindt,
 
Vergassen wir mit fleiß vnd schlugen sie in Windt.
 
Biß ewer fewrig Hertz ist endtlich außgerissen,
 
Vnd hat vns klar gemacht, wie schändtlich wir verliessen
 
Was allen doch gebürt: Wir redten gut Latein,
 
Und wolte keiner nicht für Teutsch gescholten sein.
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[...] Ihr habt sie recht verlacht,
 
Vnd vnsre Muttersprach in jhren werth gebracht,
 
[...]
 
Ich auch, weil jhr mir seyt im Schreiben vorgegangen,
 
Was ich für Ruhm vnd Ehr durch Hochteutsch werd erlangen,
 
Will meinem Vatterland bekennen ohne schew,
 
Daß ewre Poesy der meinen Mutter sey.83

Heinsius hat die Ebenbürtigkeit der Muttersprache für Inhalt und Form der Dichtung gegenüber den antiken und romanischen Sprachen bewiesen, seine Poesie wird von Opitz als Mutter der seinigen verstanden.

Schon am 1. Januar 1620 lag Opitz' Übersetzung der Christushymne, zu der ihn sein Vetter Caspar Kirchner angeregt hatte, fertig vor; 1622 wurde Opitz' Übertragung des Lobgesang des Bacchus veröffentlicht. In den Teutschen Poemata (1624), deren Titel ein Echo auf die Heinsius-Sammlung ist, hatte er neben zahlreichen französischen, italienischen und holländischen84 Vorlagen auch griechische, lateinische und natürlich niederländische Gedichte des Heinsius benutzt. Es ist einmal die Autorität dieses Mannes als Philologe und Gelehrter an der von deutschen Studenten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts meistbesuchten Universität Leiden, die

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eine starke Anziehungskraft auf Opitz und seine Generation ausgeübt hat. Heinsius' umfangreiche Korrespondenz mit deutschen Dichtern und Gelehrten (u.a. Barth, Bernegger, Buchner, L. Camerarius, V. Fabricius, Gronovius, Gruter, H. Hudemann, J. Kirchmann, P. Lauremberg, Lingelsheim, Lund, Opitz, H. Putschius, G. Richter)85 unterstreicht die überragende Bedeutung dieses gelehrten Dichters. Zum anderen ist es die sprachliche Ausformung (Rhythmus und Stil),86 der gelehrte Inhalt und der poetische Formelschatz, die Opitz zum Vorbild für seine Dichtungsreform und die neue Kunst in Deutschland nahm.

U. Bornemann betont die zeitgenössische Auffassung, die die niederländische und deutsche Dichtung noch als eine Einheit gegenüber der Romania betrachtete. Die Nähe der Sprachen und Aufgaben rückte sie überdies enger aneinander, als es aus heutiger Sicht den Anschein hat. Gerade für die Übersetzung als poetische Übung boten die Nederduytschen Poemata, an denen sich wohl alle deutschen Dichter des Frühbarock schulten, eine

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reiche Quelle auf dem Weg zur eigenen dichterischen Leistung. Opitz berücksichtigte dabei die vielseitigen Ausdrucksformen der Liebes- und Gelegenheitsdichtung, der Hymnen, der patriotischen und biographischen Gedichte. Paul Fleming (1609-1640), der noch kurz vor seinem Tode in Leiden zum Doktor der Medizin promovierte, übersetzte fünf Gedichte der petrarkistischen Liebeslyrik, ‘Vilius est aurum’ (S. 17), ‘Solvi non possum’ (S. 17), die Emblemverse ‘Imaginem ejus mecum porto’ (S. 17), ‘In poenam vivo’ (S. 73) und das liedhafte ‘Dominae servitium’ (S. 15).87 Der Opitzianer Ernst Christoph Homburg veröffentlichte ebenfalls Übersetzungen von fünf Liebesgedichten in Schimpff- und Ernsthaffte Clio (1642), darunter von ‘Solvi non possum,’ ‘Vilius est aurum’88 und ‘Dominam non totam in imagine video,’ das auch der Schlesier und Opitz-Vetter Caspar Kirchner (1592-1627) schon fast zwanzig Jahre früher verdeutscht hatte.89 Wie auch Opitz dichtete Homburg ein Corydon-Lied in der Nachfolge von Heinsius' ‘Pastorael’ (S. 26) und bearbeitete ‘Het sterf-huys van Cupido’ (S. 53), das auch der Opitz-Freund und Biograph Christoph Köler (1602-1658) als Vorlage für ein eigenes Gedicht nahm.

Köler und Zacharias Lund (1608-1667), der in Wittenberg bei August Buchner studierte, bevorzugten

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neben der Schäferdichtung die Gelegenheitsgedichte, besonders die Epithalamien, die angefangen mit Opitz, der der deutschsprachigen Gelegenheitsdichtung Geltung verschaffte, für zahllose Verse bis zum Ende des Jahrhunderts Stoff und Motive lieferten. Die meisten der elf in den Teutschen Poemata enthaltenen Epithalamien sind ganz oder teilweise aus den Nederduytschen Poemata und aus Den Bloemhof übersetzt oder zusammengestellt. Der dreigliederige Aufbau, der ebenfalls der lateinischen Gelegenheitsdichtung zugrunde liegt, wird mit dem Formelschatz des Petrarkismus90 und mythologischen Bildern um Venus und Cupido angefüllt, für die auch die Emblemserien des Heinsius Stoff und Anregung geboten haben. Das ‘Troudicht’ (S. 51), in dem die Schiffahrtsmetapher auf das ganze Gedicht ausgeweitet, das Schiff den Liebenden, der Hafen die Ehe allegorisiert, wurde von Opitz übersetzt, von Plavius für ein Epithalamium ‘Das liebe-schiff’91 umgeformt, von Köler 1634 bearbeitet.92 Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts vollzieht sich die Abwendung von den petrarkistisch-mythologischen Epithalamien, der Heinsius schon selbst in dem Gedicht auf seine eigene Hochzeit ‘Ex persona sponsi’ (1617) vorgearbeitet hatte.

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Die gelehrte Dichtung, von der lediglich der ‘Lofsanck van Bacchus’ in der ursprünglichen Gestalt der Nederduytschen Poemata enthalten war, hat die enkomiastische Form, den antiken Mythos und gelehrten Anhang für das Lobgedicht nach Deutschland vermittelt, wie sie Opitz in seinen Lehrgedichten, besonders im Lob des Krieges Gottes Martis (1628), weiterführte.93 Daß der Christushymne eine weitaus größere Wirkung zukam, lag an der religiösen Thematik und dem Geschmackswandel, der sich in einer Abwendung von der mythologischen Bildlichkeit zugunsten christlicher Motive manifestierte. Was Heinsius in der Vorrede zum ‘Lof-sanck van Bacchus’ zur Verteidigung der Mythologie unter Berufung auf die Antike, die Bibel, auf die Kirchenväter und christliche Autoren schon ausführte, wurde erst zwei Jahrzehnte später, als Heinsius sich schon längst von der weltlichen Dichtung abgewandt hatte, im Streit mit Guez de Balzac um sein Drama Herodes infanticida (1632) zu einer polemischen Apologie der Antike, einer Rechtfertigung der Mischung von mythologischen und biblischen Stoffen, erweitert. Für Opitz sind in der Vorrede zu den Teutschen Poemata mythologische Allegorien unter Bezugnahme auf Heinsius und Scriverius selbstverständliche Bestandteile der Dichtung. Jahrzehntelang stehen in Deutschland Mythologie und religiöse Themen, deren Ablehnung und Befürwortung, oft bei demselben Dichter nebeneinander.

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Opitz' repräsentative Gedichtsammlung vermittelte die Aufnahme von Heinsius' niederländischen Gedichten, seine Verehrung des gelehrten Dichters wies den Weg zu dem literarischen Schaffen des Leidener Professors. Die Gedichtarten, die Bildlichkeit und die Metrik der Nederduytschen Poemata, die ‘ein wichtiges Bindeglied zwischen der deutschen und den romanischen und auch antiken Literaturen’94 darstellte, wurden vorbildlich für die Anfänge der deutschen Barockdichtung.

81U. Bornemann, ‘Die “Elegia oder Nacht-klage eines Liebhabenden” von 1614,’ Wolfenbütteler Barock-Nachrichten, 3 (1976), 193. In seiner umfangreichen Arbeit Anlehnung und Abgrenzung. Untersuchungen zur Rezeption der niederländischen Literatur in der deutschen Dichtungsreform des siebzehnten Jahrhunderts (Assen/Amsterdam, 1976) hat U. Bornemann Heinsius als wirkenden, Opitz als aufnehmenden Dichter zurecht in den Mittelpunkt gestellt.
82Opera Geist- und Weltlicher Gedichte (Breslau: Fellgiebel [1689]), Bd. 2, S. 334.
83Teutsche Poemata, Nr. 5 (op. cit., Anm. 21).
84J.L. Gellinek, ‘Further Dutch Sources used by Martin Opitz,’ Neophilologus, 53 (1969), 157-75; ausführlicher in Gellinek, Die weltliche Lyrik des Martin Opitz (Bern, 1972). Entlehnungen aus dem Thronus Cupidinis behandelt Th. Weevers, ‘Some Unrecorded Dutch Originals of Martin Opitz,’ Neophilologus, 23 (1938), 187-98.
85Verzeichnis bei U. Bornemann (op. cit., Anm. 81), S. 239-44.
86Heinsius' Wirkung auf Opitz' Lobgesänge und Corydon-Lieder ist von Th. Weevers untersucht worden, ‘The Influence of Heinsius on two Genres of the German Baroque,’ Journal of English and Germanic Philology, 37 (1938), 524-32; ‘Some Aspects of Daniel Heinsius' Influence on the Style of Martin Opitz,’ Modern Language Review, 34 (1939), 230-39; ‘Some Aspects of Heinsius' Influence on the Rhythm of Opitz,’ Modern Language Review, 34 (1939), 576. Die Ergebnisse wurden erweitert in Weevers, Poetry of the Netherlands in its European Context (London, 1960).
87Poetische Wälder, 5, 4-7; Oden 5,4; Paul Flemings Deutsche Gedichte, hrsg. P. Lappenberg (Stuttgart, 1865. Reprint 1965), Bd. 1, S. 210-11 und 398-99.
88Abgedruckt bei Bornemann (op. cit., Anm. 81), S. 251-52.
89J.W. Zinkgref's und anderer deutscher Poeten auserlesene Gedichte (1624), siehe Bornemann, S. 253.
90Seit H. Pyritz, Paul Flemings Liebeslyrik. Zur Geschichte des Petrarkismus, Palaestra 234, (Göttingen, 1963) gilt Heinsius als erfolgreichster Propagandist des Petrarkismus.
91Trauer- und Treugedichte (1630); Bornemann (op. cit., Anm. 81), S. 177-78.
92‘Hochzeitgetichte,’ M. Hippe, Christoph Köler (Breslau, 1902), S. 202.
93B. Becker-Cantarino, ‘Satyra in nostri belli levitatem: Opitz' Lob des Krieges Gottes Martis (1628), ‘Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 48 (1974), 291-317.
94Bornemann (op. cit., Anm. 81), S. 238.
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